Internet ohne Anonymität?

5 Gründe für anonyme Risikovoranfragen

Die Anonymität im Internet ist immer wieder ein heiß diskutiertes Thema im Internet. Klarnamen werden von Websites immer häufiger gefordert und empören dadurch ihre Nutzer. Begründet wird das mit einer besseren Möglichkeit sich mit Freunden und Bekannten auszutauschen, sie leichter in Netzwerken wie Facebook zu finden oder sich leichter beruflich zu vernetzen. Zudem soll es dem Staat helfen Verbrechen auf zuklären, indem Personen im Netz leichter zu identifizieren sind, wenn sie dort denselben Namen tragen wie auf ihrem Ausweis.

Die Aufhebung der Anonymität hört sich demnach nach einer guten Idee an, weshalb lehnen also so viele Internetnutzer diese ab?

Häufig ist Anonymität der Grund warum Leute überhaupt ins Internet gehen. Sie ermöglich einem Dinge zu kaufen, zu fragen oder zu äußern für die man in seinem alltäglichen Umfeld komisch angeschaut werden könnte. Viele Menschen sind im Internet mutiger und fühlen sich freier, weshalb es ihnen leichter fällt ihre ehrliche Meinung zu sagen, ohne in Gefahr zulaufen von der Gesellschaft verstoßen oder persönlich angegriffen zu werden. Sie schützt also Menschen mit Minderheitsmeinungen und ungewöhlichen Interessen vor Bloßstellung, aber auch vor rechtliche Konsequenzen. Personen in autoritären Regimen nutzen beispielsweise den Schutz des Internets für ihre ungestrafte Meinungsäußerung, oder auch die Organisation von Protesten und Putschen. Die Funktion der Anonymität ist also in erster Linie Schutz. Schutz der Privatsphäre, Schutz der Person hinter einem falschen Namen.

Natürlich darf hier nicht vergessen werden, dass kriminelle Vereinigungen ebenfalls vom Schutz dieser Eigenschaft des World-Wide-Web profitieren. Schließlich sind kriminelle Aktivitäten der Grund warum die Forderungen nach der Auflösung der Anonymität immer lauter werden. Es ist jedoch schwierig von allen Verbrechern eine Offenlegung ihrer Identität im Internet zufordern, da sie diese in der Regel nicht preisgeben möchten. Damit dieses Prinzip funktioniert müsste man das von allen Teilnehmern des Internets verlangen. Unter dem Aspekt der Kriminalität dürfte das für uns Normalbürger ja kein Problem sein, wir haben doch nichts zu verstecken und sollte nicht sowieso jeder zu seiner Meinung stehen ?

Die Theorie der Schweigespirale bietet hier eine Begründung: Sie besagt, dass Menschen dazu neigen ihre Meinung für sich zu behalten, wenn sie davon ausgehen, dass die Mehrheit gegenteiliger Meinung ist. Jeder Mensch hat Angst vor Isolation und Ausgrenzung und möchte demnach dazu gehören. Mit Hilfe des Internets ist es möglich seine Meinung zu äußern ohne zu befürchten als Außenseiter dazustehen, denn wer nicht weiß wer ich bin, kann mich nicht ausschließen.

Anonymität ist also die Basis für Meinungsfreiheit, beinhaltet aber auch die Möglichkeit Interessen voneinander zu trennen. Homosexualität ist ein sehr beliebtes beispiel, da es leider immer noch Menschen gibt, die mit dieser Form der Liebe nicht umgehen können. Dennoch sollten homosexuelle Menschen die Möglichkeit haben zu solchen Themen zu recherchieren und sich in entsprechenden Foren auszutauschen, auch wenn sie noch nicht bereit sind das mit ihrem Umfeld zu teilen. Eine Forderung nach Klarnamen in solchen Online-Foren würde ihre Nutzer maßgeblich einschränken, da es nun Hemmungen zu überwinden gilt, die in einer anonymen Atmosphäre nicht da wären.

Wir wollen also einerseits Verbrecher identifizieren, uns aber andererseits nicht  vor dem Internet entblößen.

Die Lösung: Pseudonyme

Zunächst sollte man die Begriffe Anonymität und Pseudonyme differenzieren: Anonymität beschreibt eine totale Verfremdung gegenüber dem Netzbetreiber und deren Nutzern. Bei einem Pseudonym handelt es sich lediglich um einen sogenannten „Nickname“, der anderen Nutzern angezeigt wird. Dem Betreiber der Seite ist es allerdings möglich die Identität der Nutzer anhand den verlangten Anmeldeinformationen aufzudecken. Ein Pseudonym ist also nicht gleich anonym! Es werden also Nicknames gebildet, die unsere Identität vor Freunden und Bekannten verschlüsselt, aber im Fall eines Verbrechens der Polizei offenbart werden kann. Soweit so gut, jedoch darf man nicht vergessen, dass Seiten wie Facebook und Google unsere Identität, die ihnen ja bekannt ist, nutzen um auf uns zugeschnittene Werbeanzeigen zu erzeugen und dafür unsere Daten an Dritte weitergeben.

Ich glaube, dass Anonymität im Netz zwar eine schöne Idee ist, aber immer mehr ein Ding der Unmöglichkeit sein wird. Man kann kaum an Social Media teilhaben ohne etwas von sich preis zugeben und der technische Fortschritt geht immer weiter, sodass es schwierig wird sich auf die Anonymität zu verlassen. Wenn Organisationen wie die NSA Informationen über einen wollen, werden sie die auch bekommen. Da hilft nur sich entweder ganz aus dem Internet raus zuhalten (was zunehmend schwerer werden wird), oder die persönlichen Angaben auf ein Minimum zu reduzieren.

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Linda Watzl

Kommunikationswissenschaft

Otto-Friedrich-Universität

 

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Prominent verkauft sich gut

George Clooney soll uns überzeugen, Nespresso zu trinken, klar, what else. Barbara Schöneberger schüttelt ihre blonde Haarpracht für Garnier und Dirk Nowitzki zeigt uns das unkomplizierte Leben eines ING-DiBa-Kunden. Dass Pominente ein wirksames Werbemittel sind, steht wohl außer Frage. Als Testimonials verkörpern sie Eigenschaften wie Eleganz oder Humor, die der Rezipient mit der Marke in Verbindung bringen soll. Doch nicht nur Unternehmen profitieren vom Einsatz der Berühmtheiten. Für Prominente selbst bedeuten vor allem soziale Medien eine großartige Möglichkeit, sich selbst zu präsentieren und zu profilieren, auf dem Schirm der Öffentlichkeit zu bleiben und den eigenen Wert zu steigern – kurz: sich selbst zu vermarkten.

Auch die klassischen Printmedien können für die eigene Bekanntheit genutzt werden. Ein Bericht in einer Boulevardzeitung über Manuel Neuers Kids Foundation beschert dem Fußballer eine Menge Aufmerksamkeit, ein positives Image und die Assoziation mit sozialem Engagement, Großzügigkeit, Beliebtheit, gesellschaftlichem Ansehen und so weiter. All das soll ihm auch gar nicht abgesprochen werden und doch wird Neuer durch diese Eigenschaften wiederum attraktiver für Werbepartner. Ohne die mediale Berichterstattung, zum Beispiel über die charakterlichen Vorzüge des Bayern-Spielers oder seine sportlichen Erfolge wäre er weniger wertvoll und dann würden wir in den Werbepausen vielleicht jemand anderem beim genüsslichen Schlürfen einer Coke Zero zusehen.

Ein Format im deutschen Fernsehen dient insbesondere den C-Promis zur Selbstvermarktung. Keiner sieht es, alle kennen es – das Dschungelcamp ist die Möglichkeit schlechthin, den Zuschauern die eigene Existenz in Erinnerung zu rufen. Schlagersänger, Exfreunde anderer C-Promis und die, bei denen man gar nicht weiß, wofür sie eigentlich bekannt sind: Sie alle sind im Dschungelcamp willkommen. Ob das einem positiven Image zuträglich ist? Wohl eher nicht, denn man kann wohl kaum erwarten, nach einer Teilnahme noch ernst genommen zu werden.

Das beste Mittel, sich selbst genauso zu verkaufen, wie man gerne wahrgenommen werden würde, sind die sozialen Medien. Der Prominente hat die Kontrolle über die Inhalte, die er unter seinem Profil postet. Auf Facebook, Twitter und Co. können Schauspieler ihre neuesten Blockbuster promoten und Sänger posten Bilder des Publikums beim letzten Konzerte und untermalen damit ihre eigene Beliebtheit. Daniel Aminati, eigentlich bekannt als Moderator bei ProSieben, lässt online beispielweise gerne mal die Muskeln spielen und verweist auf sein Fitnessprogramm, das den User „krass“ machen soll. Eine Familie, die die Online-Selbstvermarktung perfektioniert hat, ist der Kardashian-Clan. Berühmt wurde sie durch die Reality-Serie „Keeping up with the Kardashians“, ihr Geld verdienten die Familienmitglieder also damit, sich beim Leben filmen zu lassen. Allen voran nutzt mittlerweile besonders Kim Kardashian social media, um ihre diversen Produkte zu vermarkten. Ihr neuester Coup: Eine App, die Online-Shoppern das Leben noch leichter macht, indem sie Klamotten auf Fotos erkennt und im Shop findet. Die Meinungen begeisterter Kundeninnen werden fleißig retweetet, damit auch der letzte Nur-einmal-die-Woche-kurz-bei-Twitter-Reinschauer von der App erfährt.

Screenshot (2)

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So funktioniert Marketing mit ein paar Daumenbewegungen und das Geld kommt von ganz allein. Die Risiken der Nutzung von Sozialen Medien als Verkaufskanäle liegt in ihrer Natur als Netzwerke: Es handelt sich nicht um einseitige Kommunikation, sondern um virtuelle Interaktion zwischen Usern. Jeder hat die Chance, die eigene Meinung auszudrücken (auch die Meinungsfreiheit im Internet hat natürlich Grenzen) und damit die Möglichkeit, Hasskommentare zu schreiben, wo etwas nicht gefällt oder sogar Shitstorms auszulösen, die eine unternehmerische Existenz auch mal gefährden können.

Im Großen und Ganzen bietet Social Media nichts desto trotz ein Sprungbrett: Die Prominenz erreicht hier mit wenig Aufwand eine große Menschenmasse, der sie ihre Persönlichkeit oder ihre Produkte verkaufen kann. Wer da nicht mitzieht, verpasst diese Chance.Aber glücklicherweise ist darauf auch nicht jeder angewiesen.

Selina Jörgensen

Kommunikationswissenschaft, Otto-Friedrich-Universität Bamberg

 

 

 

 

Werbung – Fluch oder Segen?

Mit dieser Frage beschäftigt sich fast jeder, der auf Youtube Videos veröffentlicht oder welche anschaut. Denn wer kennt das nicht? Ob im öffentlichen Fernsehen oder im Internet – Werbeunterbrechungen sind oft einfach nur nervig. Aber nicht nur das: Die Freude sich ein 15 – minütiges Video seines Lieblingsyoutubers anzugucken vergeht schnell, wenn man die insgesamt 6 gelben Striche im Video sieht, die Werbeunterbrechungen ankündigen. Neben bezahlten Werbeanzeigen wurde zudem in den letzten Jahren immer öfter das sogenannte Product Placement zu einem umstrittenen Thema. Aber was bedeutet Product Placement überhaupt? Youtuber werden von unterschiedlichen Firmen dafür bezahlt, dessen Produkte zu präsentieren und dafür zu werben. Denn so funktioniert gute Werbung für die Firmen. Dennoch beschwerten sich die Zuschauer im letzten Jahr zunehmend über diese Form von Werbung und dessen rasante Zunahme. Schnell wird man als Youtuber als „Geldgeil“ bezeichnet, wenn man sich auf solche Kooperationen einlässt.

Trotz allem sind diese Werbekooperationen und besonders die Werbeanzeigen ein wichtiger Bestandteil des Online – Portals. Werbekunden haben die Möglichkeit ihre Botschaften publik zu machen und durch kleine Clips für sich zu werben. Daraufhin entscheiden die Youtuber wie viele Werbeanzeigen sie in ihr Video schalten. Welche Werbung am Ende eingeblendet wird ist allerdings zufällig. Und genau das wurde bald zu einem großen Problem. Doch Youtube reagierte darauf und veröffentlichte in seinem Blog die Entscheidung darüber, dass Werbung erst ab einer Zuschauerzahl von 10.000 eingespielt werden darf. Um in den Videos die Werbung einblenden zu können, müssen sie zudem den AdSense – Programmrichtlinien entsprechen. Doch trotz all der Richtlinien und Regeln stößt die Änderung immer mehr auf Protest.

Denn stell dir mal vor: Du schaust dir online Videos über politische oder geschichtliche Ereignisse an und nach 4 Minuten kommt die erste Werbeunterbrechung: Eine Anzeige für Babywindeln, mit lachenden Kindern und ihren Eltern. Unpassender geht es doch nicht oder? Darüber und über die allgemeine Regelung von Werbeanzeigen auf Youtube wird oft und gerne diskutiert, geschimpft und gesprochen, aber was trotz allem im Hintergrund steht ist die Tatsache, dass es ein Geben und Nehmen zwischen des Online – Portals und der Werbekunden ist. Und genau diese Zweckgemeinschaft ist ein wichtiger Bestandteil des digitalen Netzwerkes. Also auch wenn wir viel lieber meckern und uns beschweren: Werbung ist wichtig und sollte akzeptiert werden. Und wenn wir mal ehrlich sind, hält uns die Werbeunterbrechung auch nicht davon ab auf Youtube Katzenvideos anzugucken oder?

 

Jana Wosnitza

Kommunikationswissenschaft, Otto – Friedrich – Universität Bamberg

gab.ai – Medium zur freien Meinungsäußerung, oder rechte Echo-kammer?

„Was Du nicht willst, dass man Dir tu, dass füg‘ auch keinem andern zu“. Solche Regeln waren Teil meiner und vermutlich auch Ihrer Erziehung. Es reimt sich schön und ist damit leicht verständlich und bleibt im Kopf – selbst bei Kindern.

Auf der Straße ist dies auch eher noch der Standard, als die Ausnahme, wenn allerdings eine gewisse Anonymität gegeben ist, vergisst so manch einer seine gute Kinderstube. Und wo ist ebenjene Anonymität größer als im Internet? Denn, wenn Nutzer nicht ihre echten Namen oder Daten angeben müssen und so nicht für Aussagen geradestehen müssen, fällt es offenbar leicht Beleidigungen, Hetze oder Fake News zu verbreiten. Soziale Netzwerke wie Facebook oder Twitter gehen mittlerweile gegen solche Nutzer vor, indem sie ermahnt und bei wiederholter Auffälligkeit gesperrt werden.

All jene, die mit allgemeinen Verhaltensregeln und Nutzungsbedingungen auf Kriegsfuß stehen finden eine Zuflucht auf gab.ai. gab.ai (to gab = in etwa: quatschen) erinnert von seiner Handhabe an eine Mischung aus Reddit und Twitter. Usern ist es möglich von der Seite bereitgestellte Nachrichten zu kommentieren, eigene Inhalte zu verfassen, Beiträge up- oder downzuvoten und sie wiederum zu teilen.

Screenshot-2017-10-28 GAB Ad-free social media for all(2)

 

Anders als die „Big Socials“, die weit verbreiteten sozialen Medien, beruht die Kontrolle über Inhalte Gründer Andrew Torba zufolge nicht auf „Zensur“, sie wäre vielmehr eine Art Selbstkontrolle. Denn bis auf illegale Pornografie oder den Aufruf zu Terror werden sämtliche Inhalte durchgewunken, bei Problemen mit anderen Nutzern oder Inhalten sollen die Betroffenen frei nach dem Motto: „aus den Augen, aus dem Sinn“ diese schlichtweg aus ihren Feeds entfernen. Torba sieht in diesem Ansatz die wahrhaftige Durchsetzung des Rechts auf freie Meinungsäußerung.

Screenshot-2017-10-28 One last step Gab(1)

Das Konzept kommt offenbar an. Mit mittlerweile über 215.000 Nutzern erfreut sich gab.ai steigender Beliebtheit. Vor allem Konservative und Anhänger der Alt-Right-Bewegung sind begeistert von den Möglichkeiten, die ihnen mit gab zur Verfügung stehen, wie Torba bereits zugab. Von Werbung für die Waffenlobby, über krasse Beleidigungen bis hin zu Diskreditierung Andersdenkender ist alles vertreten.

Auch immer mehr deutsche User zieht gab.ai in ihren Bann. Mittels eines eigenen Reiters besteht die Möglichkeit auf nur deutsche Beiträge weitergeleitet zu werden. Deren Inhalte sind aktuell wenig überraschend Aussagen von AfD-Politikern, Diffamierungen anderer Politiker oder Kritik an der Asylpolitik mit dem Feindbild Nummer eins: Angela Merkel.

Die Folge der „Selbstzensur“ und die Verwendung durch fast ausschließlich Rechtsgesinnte führt allerdings dazu, dass die #GabFam, wie sich Nutzer gerne bezeichnen, auf gab.ai nur mit Ansichten konfrontiert, die sich mit ihren decken, oder ihnen ähneln, sie sehen sich in ihrer Meinungen bestätigt und die Seite ihr Dasein als Echo-Kammer rechtspopulistischer Inhalte immer mehr verstärkt.

 

Georg Höfer

Student der Kommunikationswissenschaft, Otto-Friedrich-Universität Bamberg

 

Whataboutism: Argumentationslos Diskussionen gewinnen

Wer kennt sie nicht, die Diskussion, die man damals zu Schulzeiten mit Mama geführt hat? Stolz brachte man eine Zwei in der Englischprüfung mit nach Hause, woraufhin Mama fragte: „Und was hat Hanna?“. Betretener Blick zur Seite, leises Murmeln: „Eine Eins.“ Ihre Reaktion: „Na, dann hättest du auch eine schreiben können.“ Zwei Wochen später der eigene Versuch, den Spieß diesmal herumzudrehen: „Mama, in Mathe hab ich eine Drei. Aber Hanna hat eine Vier!“ Nun zeigte Mama natürlich kein Interesse mehr an den Leistungen der Freundin.

Schon als Kind wendet man also eine Kommunikationstechnik an, die leider auch von vielen Erwachsenen, z.B. von Politikern gerne genutzt wird: Von der eigentlichen Problematik ablenken und mit dem Finger anklagend auf andere zeigen. Man spricht auch von Whataboutism.

Der amerikanische Präsident Donald Trump liefert für dieses rhetorische Mittel immer wieder Paradebeispiele. Sein Talent, verbale Angriffe auf sein Verhalten abzuwehren, beweist er nicht nur durch die Darstellung von Unwahrheiten als alternative Fakten. Auch Gegenargumente perlen an ihm ab, wie Wasser an einer Regenjacke. Prompt weist er auf die Fehler oder Missstände anderer Personen oder Staaten hin und das ursprüngliche Problem ist vergessen. Vor allem Hillary Clinton steht dabei oft im Zentrum seiner Aufmerksamkeit.

Trump Post

 

 

Doch nicht nur Trump, auch deutsche Politiker, beispielsweise AfD-Mitglieder, benutzen Whataboutism, um im Diskurs von den eigenen fehlenden Argumenten abzulenken. Und auch in sozialen Netzwerken wie etwa Facebook gehen Nutzer, wenn sie in einer Diskussion in die Enge gedrängt werden, häufig auf andere los oder schneiden einfach ein neues Thema an, statt sich mit den Argumenten anderer User ernsthaft auseinanderzusetzen. Paulus Müller hat sich mit seinem Rap „Aber, Aber“ dem Gesprächsverhalten von Usern in einer Debatte über das Parken auf Radwegen gewidmet.

 

Anwender der Whataboutism-Strategie sind meist erfolgreich, denn sie lässt sich beinahe in jedem Themengebiet anwenden und stiftet Verwirrung. Während man versucht, das Gegenüber zum eigentlichen Gesprächsthema zurück zu bewegen, beharrt der Whataboutismer auf dem Standpunkt, der ihn in eine argumentatorisch überlegene Position manövriert. Meistens kapituliert man irgendwann angesichts dieser Uneinsichtigkeit und lässt sich entweder auf einen Schlagabtausch auf einem Gebiet ein, über das man eigentlich gar nicht sprechen wollte oder man bricht die Diskussion ab. Eigentlich kann man also nur verlieren, wenn man mit sachlichen Argumenten versucht, dem Whataboutismus etwas entgegenzusetzen. Die Gefahr einer so ablaufenden Diskussion liegt darin, dass der Facebook-Nutzer oder Politiker die Möglichkeit hat, sich selbst durch Ablenkung und Gegenargumente zu profilieren, ohne dabei auf die Einwände seiner Gesprächspartner eingehen zu müssen. Es findet keine Selbstreflexion statt, die Bestandteil jeder wichtigen Debatte sein sollte.

Im Umgang mit Whataboutismus ist es hilfreich, den Schlagabtausch nicht zu überstürzen und sich Zeit zu nehmen, die eigenen Argumente logisch darzulegen und es eventuell anwesenden Zuhörern oder Lesern einfacher zu machen, den Intentionen der Debattierenden zu folgen. Manchmal leichter gesagt als getan: Man sollte sich die Ausgangsfrage immer vor Augen halten und gegebenenfalls darauf zurück kommen.

 

Selina Jörgensen

Kommunikationswissenschaft, Otto-Friedrich-Universität Bamberg

Tabus – Auf dem Müllhaufen der Geschichte?

Tabus sind Tabu.

Tabu. Bereits der Wortklang signalisiert etwas Negatives. Etwas, das man einfach nicht tut oder sagt. Nicht einmal denkt. Schlecht, oder? Tabus müssen in einer aufgeklärten Gesellschaft gebrochen werden. Das Sprechen über Naziverbrechen, der offene Umgang mit Sex, Frauen, die Hosen tragen. – Nur einige Beispiele für ehemalige Tabus, die wir glücklicherweise los sind. Wir brauchen sie nicht. Oder?

 

Ein unschuldiges, unbewusstes Kind wird zum Mittel für den Wahlkampf einer Partei. Tabubruch.

 

Der US-amerikanische Präsident schimpft auf den Rechtsstaat. Tabubruch.

 

Manche der No-Gos würden wir also doch gerne behalten. Gerade in Zeiten der sozialen Medien fällt es aber leichter, Tabus zu brechen. Bricht man in der „realen Welt“ ein Tabu, hat man direkt mit den Konsequenzen zu rechnen. Wird man im Internet für einen Tabubruch verurteilt, muss man ein paar Kommentare lesen. Das war’s. Kein Gespräch, keine verurteilenden Blicke, keine Fragen, die man beantworten muss, wenn man keine Lust hat. Auch haben die wenigsten Menschen Lust dazu, in ihrer Freizeit mit Trollen zu streiten. „Hilft ja eh nichts.“

Sollte es deshalb eine Instanz geben, die verhindert, dass bestimmte Grenzen überschritten werden? Selbstverständlich. Alle Tabus funktionieren auf diese Weise allerdings nicht. „Tabus sind eigentlich immer Gruppeninteressen, Gruppennormen“, sagt Andreas Zick vom Institut für Konflikt- und Gewaltforschung der Uni Bielefeld dazu. Mehr sind Tabus nicht. Sie zeigen, was verschiedene Gesellschaftsschichten zu verschiedenen Themen denken.

 

Wird man deshalb alles „wohl noch sagen dürfen“?

Dass Tabus nicht auf ewig und allgemein begründbar sind, heißt nicht, dass alles akzeptiert werden muss. Der Rechtsstaat ist dafür verantwortlich, den Rahmen zum Schutz der Menschenrechte zu bilden. Dort endet seine Befugnis aber auch. Äußert sich ein Tabubruch in Gewalt, muss er eingreifen. Äußert er sich in Drohungen, muss er eingreifen. Äußert er sich in einer auf die Politische Korrektheit wütenden Alice Weidel oder einem vom Grapschen träumenden Donald Trump, kann der Rechtsstaat nichts tun.

Die einzige Möglichkeit, nötige No-Gos aufrechtzuerhalten, besteht darin, für diese zu argumentieren. Legt man seinen Gegnern dar, warum ihre Ansichten falsch sind und welche Grenzen sie überschritten haben, besteht zumindest die Möglichkeit, dass einige von ihnen einlenken. Das Problem an den Ideologien, die Gauland, Trump, LePen etc. vertreten, ist ja eben, dass das rationale Argumentieren aufgegeben wurde. Möchte man Tabus erhalten, muss man sie begründen. Kann man sie nicht begründen, sind sie unnötig. Tabus zeigen die Meinung der Gesellschaft. Allerdings nur wenn diese auch geäußert wird. Der Staat kann unsere Grundrechte schützen, aber – glücklicherweise – keine Tabus vorschreiben. Argumentieren wir als aufgeklärte Menschen nicht rational und respektvoll, werden auch die Tabus nicht auf Vernunft und Respekt aufgebaut.

 

Bastian Rosenzweig
Kommunikationswissenschaft, Soziologie, Philosophie
Otto-Friedrich-Universität Bamberg

Counterspeech – mit Humor gegen den Hass im Netz

Counterspeech – das ist etwas, das jeder von uns kann und wohl jeder schon des öfteren praktiziert hat, denkt man nur mal kurz an die eigenen Teenager-Jahre zurück, in denen  durch Kontern und regelmäßiges Widersprechen der eigene Standpunkt gegen Eltern und Geschwister vertreten wurde.  Aber liebe Eltern: Auch, wenn Ihre Geduld durch die wohl zahlreichen Auseinandersetzungen des öfteren strapaziert wurde, so waren diese doch ein gutes Training für Ihre Kinder, das nicht nur zu Durchsetzung im späteren Berufsleben führen, sondern auch einen aktiven Beitrag zur Antidiskriminierung leisten kann.

So entstand vor einigen Jahren das Konzept des Counterspeech, der Gegenrede also, das dazu beitragen soll,  menschenverachtende Kommentare, Diskriminierung oder Aufrufe zur Gewalt aktiv zu bekämpfen, und zwar durch die Nutzer selbst. Die Idee, die dahinter steckt, ist relativ simpel: So soll Hass nicht mit Hass bekämpft werden, sondern mit Argumenten, neuen Denkanstößen und Humor. Schon seit einiger Zeit formieren sich Gruppen und Kampagnen, die dieses Konzept verbreiten wollen.  Da wäre zum Beispiel das No Hate Speech Movement, das 2013 von Jugendorganisationen des Europarats ins Leben gerufen wurde und das mittlerweile in 40 Staaten aktiv ist.  Auf ihrer Internetseite rufen sie Userinnen und User dazu auf, Hasspostings auf Facebook, Twitter und Co. etwas entgegen zu setzen.  Da kontern aber auch gelernt sein will, gibt’s auf der Seite Tipps, Memes, Videos und Sprüche zum Download, mit dem jeder einzelne ein Zeichen gegen Diskriminierung und Hass setzen kann.

No Hate Speech

Bei sozialen Netzwerken wie Facebook hält man dieses Konzept für ein gutes Mittel, um Hasspostings zu bekämpfen. Laut Sheryl Sandberg, der Geschäftsführerin von Facebook, ist Counterspeech unglaublich stark, da das beste Mittel gegen schlechte Ideen gute Ideen, und das beste Mittel gegen Hass Toleranz ist. Die Vorteile für Facebook sind dabei natürlich die geringen Kosten und der niedrige Aufwand, da die Verantwortung der Kampagne bei den Nutzern selbst liegt.

Aber kann Counterspeech wirklich langfristig gegen Hatespeech helfen? Können sachliche Argumente und Fakten Menschen zum Umdenken bewegen? Gibt es nicht genug Internet-Trolle, die man eben genau durch solche Konter füttert und anspornt, immer weiter zu provozieren? Denn das Problem besteht doch unter anderem darin, dass sich extrem denkende Menschen eher an den Posts und Kommentaren orientieren, die ihre eigene Meinung unterstützen und Posts, die gedanklich in eine andere Richtung gehen, gar nicht ernst nehmen. Das Zugehörigkeitsgefühl zu einer bestimmten Gruppe und die weitgehende Anonymität des Internets sind außerdem Faktoren, die Extremisten in ihrem Handeln anspornen. Doch einfach nichts zu sagen nach dem Motto „Don’t feed the troll“ ist auch nicht unbedingt eine Lösung. Natürlich kann die Auseinandersetzung mit Trollen unglaublich nervenaufreibend sein und viel Zeit und Geduld in Anspruch nehmen. Doch „Wenn man nicht mitdiskutiert, sind am Ende irgendwann nur noch Trolle da, die sich gegenseitig auf die Schulter klopfen. Und alle Leute, die deren Kommentare lesen, haben das Gefühl, das sei die herrschende Meinung. Darum: Wer das einfach stehenlässt, tut niemandem einen Gefallen.“ 

Sich zu wehren, zu kommentieren und sachlich zu argumentieren ist also auf jeden Fall eine Strategie, die jeder mal ausprobiert haben sollte. Ob man mit Counterspeech tatsächlich effektiv Radikalismus im Netz bekämpfen kann, wird sich noch zeigen. Allerdings sollten sich Facebook & Co. auf solchen Kampagnen keinesfalls ausruhen, ganz im Gegenteil: Sie sollten Initiativen wie diesen aktiv unter die Arme greifen, indem sie gegen Hasskommentare  vorgehen. Das am 1. Oktober 2017 in Kraft getretene Gesetz gegen Hasspostings, das soziale Netzwerke dazu verpflichtet, bestimmte strafbare Inhalte innerhalb von sieben Tagen zu löschen oder zu sperren, ist dabei schon mal ein Schritt in die richtige Richtung.

Magdalena Herden, Studentin der Kommunikationswissenschaft an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg