Politik und Social Media – geht das?

Wir haben ein neues Zeitalter erreicht. Das Zeitalter von Obama als „Präsident 2.0“ und Donald Trump als Twitter-König. Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten scheint eine neue Methode der Politik erfunden zu haben: Politik über Social Media. Ob Hillary Clintons private Hochzeitsfotos oder Donald Trumps persönliche Meinung über Nordkoreas Machthaber: beides hat mit ihrer Tätigkeit als Politiker nicht viel zu tun, findet sich aber auf ihren offiziellen Kanälen wieder.

In Amerika gang und gäbe, doch in Deutschland scheint den Wenigsten bewusst zu sein, dass auch unsere Parteien und Politiker ihr Glück in den sozialen Netzwerken versuchen. In der Hoffnung auch das junge Publikum zu erreichen, bemühen sich Angela Merkel, Christian Lindner und Co. ansprechende Beiträge zu erstellen. Nur scheint die Welt der Influencer und YouTuber den alteingesessenen Politikern nicht vertraut zu sein und Bildbeschriftungen, wie hier bei Angela Merkel, ähneln eher Beiträgen der Tagesschau.

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Gemeinsam engagiert: Kanzlerin Merkel, Frankreichs Präsident @emmanuelmacron und Italiens Ministerpräsident @paologentiloni auf dem Weg zum Treffen mit Journalisten in Brüssel. Am Vormittag hatten Sie gemeinsam an einer Konferenz mit fünf Staaten der Sahel-Region teilgenommen. Das Ziel: der Kampf gegen Schlepperbanden und Hilfe für die Menschen vor Ort, damit diese in ihrer Heimat bleiben können. — Committed together: Chancellor Merkel, French President Macron and Italian Prime Minister Paolo Gentiloni are on their way to a press briefing in Brussels. Today, they participated at a conference dedicated to the Sahel region to prevent illegal migration and to create better prospects for the people to stay in their home countries.

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Aber wollen die Deutschen überhaupt Politiker, die zu Allem auf Twitter Stellung nehmen und zu Instagram-Models werden? Man stelle sich vor, wie Martin Schulz für naturalmojo wirbt und Angela Merkel den ersten NAKD-Haul in ihrer Story veröffentlicht. Doch selbst ohne Werbebeiträge kann die starke Nutzung von Social Media zum Verlust der Glaubwürdigkeit führen, wie uns der Fall Donald Trump deutlich zeigt. Auch Beiträge wie dieser unterstützen nicht unbedingt das professionelle Erscheinungsbild eines bayrischen Ministerpräsidenten:

Es ist der Kampf zwischen Professionalität und Authentizität.

Nutzer von Social-Media erhoffen sich Einblicke, die sie durch die offizielle Berichterstattung nicht bekommen. Eine Art „Hinter den Kulissen“ von den Menschen, die uns regieren wollen. Wir wollen so viel Persönlichkeit wie möglich, ohne dass die Seriosität dran glauben muss, und so viel Professionalität wie möglich, ohne dass es unecht wirkt. Wie sooft ist der Mittelweg das Ideal und wie sooft ist dieser schwer zu erreichen. Im politisch korrekten Deutschland möchte man auf Professionalität nicht verzichten und die private Welt ist nahezu irrelevant (Oder wissen sie wie der Ehemann von Frau Merkel aussieht?). In Amerika undenkbar. Hier wird Politik mit der ganzen Familie gemacht. Gerade zu Wahlkampfzeiten sind Ehepartner und Kinder fest in die Politik eingebunden.

Vielleicht ist auch das Grund, weshalb man auch in den sozialen Netzwerken nicht so viel Wert auf die Präsentation des Privatlebens legt: es ist einfach nicht von Bedeutung. Aber gerade die jüngere Generation, die ja mit den Werbeauftritten angelockt werden soll, freut sich über private Einblicke in das Leben der Politiker. Heutzutage wird geradezu erwartet als Person des öffentlichen Lebens seine Fans mit regelmäßigen Updates über den eigenen Alltag zu versorgen. Eine Welt, die für langjährige Dauermitglieder des Bundestags einfach fremd ist und unterschätzt wird.

Christian Lindner macht es vor

Und doch gibt es ihn, den einen, der alles richtig macht. Unabhängig von seiner politischen Botschaft ist Christian Lindners Account auf Instagram tadellos. Vom Selfie mit Kollegen, über Urlaubsfotos, bis hin zur Arbeit im Bundestag: Christian Lindner nimmt seine Abonnenten mit in seine privaten Alltag und bleibt dabei stets professionell als Chef der Freien Demokraten. Wie viele Leute hinter den Beiträgen sitzen und wie viel tatsächlich von ihm kommt bleibt fraglich, jedoch wirken sie stets persönlich und authentisch.

Die Nutzung von sozialen Netzwerken ohne den Verlust von Professionalität und Glaubwürdigkeit ist also durchaus möglich. Es bedarf nur etwas Übung und Nachhilfe in Sachen Social Media.

Grundsätzlich wird dem neuen Medium zu wenig Beachtung geschenkt. Es befindet sich auf dem Vormarsch und die kommenden Generationen sind fest in dieses System integriert, weshalb auch Politiker hier adäquat vertreten sein sollten. Gerade so werden junge Wähler erreicht und dazu gebracht, sich mit politischen Themen und Parteien auseinander zusetzen. Man spricht immer von zunehmender Politikverdrossenheit: Social Media ist eine gute Möglichkeit dem entgegenzuwirken. Nutzer von Facebook, Twitter und Instagram werden auf eine Weise erreicht, die konventionellen Medien nicht möglich ist.

Auch für die politischen Akteure selbst rentiert sich die Nutzung. Durch die gegebene Anonymität ist das Feedback direkter und authentischer, wodurch man einen besseren Überblick über das allgemeine Meinungsklima erhält. Und ist die Meinung der Wähler nicht das, was Demokratie ausmacht?

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Linda Watzl

Kommunikationswissenschaft

Otto-Friedrich-Universität

 

 

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