Jodel und der Erfolg durch Anonymität

Anonymität im Netz – häufig verbindet man damit nur Negatives. Gut gelegen kommt sie vor allem Trollen, die unangebrachte Kommentare und Hass-Postings unter Social-Media Beiträgen oder Online-Artikeln hinterlassen und  sich dabei hinter Fake-Accounts verstecken. Immer mehr Nutzern von Social-Media Plattformen geht das auf die Nerven, denn die Auseinandersetzung mit solchen Trollen verlangt Zeit und viel Geduld und ist selten von Erfolg geprägt.

Bei der Studenten-App Jodel, allerdings, scheint genau diese Anonymität den Erfolg auszumachen. Jodel wurde im Jahr 2014 vom Studenten Alessio Borgemeyer gegründet, der das Unternehmen mit Hilfe seiner Freunde Tim Schmitz, Niklas Henckell und Alexander Linewitsch leitet und das mittlerweile Anklang in vielen Ländern findet – von Skandinavien bis zu den Vereinigten Staaten. Die Idee hinter der App ist die, dass Menschen innerhalb eines Zehn Kilometer-Umkreises miteinander kommunizieren können. So soll die Unterhaltung von einem Campus-Ende zum anderen ermöglicht werden. Um selbst mitzujodeln, sind die Standort-Daten ausreichend, ein Profil wird nicht benötigt. In der App können Fotos mit kurzen Sätzen, aber auch Texte mit beschränkter Länge gepostet werden. Dadurch wird den Nutzern die Möglichkeit gegeben, sich über den Uni-Alltag auszutauschen, oder Anekdoten aus dem Alltag oder lustige Sprüche mit anderen Nutzern zu teilen.

War Jodel zu Beginn eine komplett anonyme Sache, wurde dies über die Jahre dennoch leicht angepasst, um Missbrauch vorzubeugen. So werden Nutzer, die einen Jodel posten, automatisch als „OJ“, also als Original-Jodler markiert, sodass sich dieser nicht unbemerkt selbst antworten und eine Diskussion manipulieren kann. Die Antwort-Jodler werden durchnummeriert. Der Nutzer, der zuerst antwortet, wird also somit als „1“ bezeichnet. Schreibt dieser in derselben Diskussion einen weiteren Beitrag, können andere Nutzer diesen Beitrag dem ersten Antwort-Jodler zuordnen. Wer sich allerdings hinter „OJ“ und den Antwort-Jodlern versteckt, bleibt anonym und kann nur in Fällen von Missbrauch durch die Entwickler enttarnt werden.

Doch verleitet die Anonymität der App nicht umso mehr zum Trollen? Natürlich stolpert man auch hier immer wieder über Hasspostings oder geschmacklose Inhalte. Diese werden aber zum einen durch ein „Up-vote“-„Down-vote“-System kontrolliert. Gefällt einem ein Beitrag, kann man diesen positiv bewerten, also „up-voten“. Gefällt einem ein Beitrag nicht, bekommt er „down-votes“. Wird ein Jodel 5 mal mehr „gedown“- als „geupvotet“ und steht somit bei einer Bewertung von -5, wird er automatisch gelöscht und erscheint nicht mehr im Newsfeed. Zum anderen können unangemessene Inhalte aber auch gemeldet werden. Dabei wird dieser Jodel von einer Mehrzahl von Moderatoren bewertet, die dann entscheiden, ob ein Beitrag erlaubt, oder blockiert werden sollte.  Moderatoren sind Nutzer, die schon lange in der Jodel-Community dabei sind, viele positiv bewertete Beiträge posten, nicht gegen die Richtlinien verstoßen und anderen Jodlern durch die Beantwortung von Fragen weiter helfen. Generell funktioniert dieses System sehr gut, trollt man herum, muss man damit rechnen, dass der Beitrag schnell wieder gelöscht wird und der Nutzer im Zweifel dauerhaft gesperrt werden kann. Dadurch nehmen Trolle nicht wie bei anderen sozialen Netzwerken überhand, sondern werden schnell in die Schranken gewiesen.

Anhand von Jodel kann man sehen, dass die Anonymität im Bereich von Social-Media auch positive Seiten haben und durchaus sinnvoll genutzt werden kann. So fällt es vielen Menschen leichter, Fragen zu persönlichen und intimen Themen zu stellen und Hilfe in Form von Ratschlägen und Tipps von anderen Jodlern zu bekommen. Desweiteren können Diskussionen wesentlich ehrlicher geführt werden, da die Anonymität das Phänomen der sozialen Erwünschtheit von Antworten eliminiert und die Wiedergabe der eigenen Meinung keinerlei Konsequenzen für das Individuum hat, insofern diese keinen beleidigenden Inhalte aufweist. Fragen über die Wahl von Kursen für das nächste Semester, über Prüfungsleistungen oder über persönliche Probleme im Studium oder im Alltag werden hier häufiger gestellt als zum Beispiel in Facebook-Gruppen. Auch Informationen zu Veranstaltungen oder Aufrufe zu diversen Spendenaktionen werden durch Jodel regelmäßig kommuniziert und über die ganze Stadt verbreitet.  Generell gilt der Grundsatz „jhj“, also „Jodler helfen Jodlern“, welcher Trolle und deren Inhalte in den meisten Fällen in den Schatten stellt.

Zum Abschluss stellt sich die Frage, ob ein ähnliches System, das die Kontrolle von Inhalten auf den Nutzer überträgt, in angepasster Form nicht auch auf anderen Social-Media Plattformen anwendbar ist und ob dadurch der Missbrauch von Anonymität im Internet nicht zumindest eingeschränkt werden kann.

 

Magdalena Herden

Otto-Friedrich-Universität Bamberg

Kommunikationswissenschaft

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