Von Freund zu Feind – der neue Instagram Algorithmus

Wir beschäftigen uns hier auf dieser Website in diesem Semester vor allem mit den Schattenseiten des Social Web. Und haben uns mit Cookies, #metoo, Trollen und Realfakes beschäftigt. Doch auch Instagram spielte in unseren Diskussionen immer eine entscheidende Rolle, da wir selbst fast alle User dieser Plattform waren. Doch was ist, wenn man nicht nur normaler User einer Plattform ist und diese zum Spaß nutzt, sondern sein Geld im Social Web verdient? Welche Schattenseiten kann es geben, wenn soziale Plattformen Neuerungen herausbringen, die die Reichweite einschränken. Sind neue Entwicklungen wirklich immer für alle gut?

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Für viele ist Instagram nicht mehr nur Spaß und Zeitvertreib, sondern auch Job und Business. Allein bezogen auf Interaktionen und Aufrufe mit Stories, ist Instagram die klare Nummer eins für Unternehmen und Influencer. Wenn man sich nur auf seine Interaktionen konzentriert und die Entwicklung seit Juni 2016 verfolgt, konnten viele Accounts auf Instagram einen Rückgang bei den Interaktionen feststellen. Dies liegt vor allem an der größten Änderung, die Instagram damals vorgenommen hat. Ein neuer Algorithmus. Aber was ist der neue Algorithmus überhaupt?

Fotos wurden dem Nutzer nicht mehr chronologisch im Feed angezeigt, sondern wurden nach Wichtigkeit sortiert. Die Wichtigkeit setzt sich hierbei vor allem aus „Engagement“, also Interaktion zusammen. Wenn ein Nutzer von einem Account viele Bilder liked, kommentiert und vielleicht sogar private Nachrichten schreibt, wird diesem Account eine höhere Wichtigkeit zugeordnet, als Accounts bei denen das nicht der Fall ist. Das heißt: die Beiträge des Accounts bei dem viel Interaktion des Nutzers vorhanden ist, werden immer oben im Feed angezeigt oder auf der Explore Seite, auf dem Nutzer, die dem Account noch nicht folgen, diesen entdecken und im Idealfall auch folgen können. Das bedeutet gleichzeitig auch, dass dieser Account automatisch mehr Reichweite generieren konnte. Und gerade für Accounts, die mit ihren Fotos Geld auf Instagram verdienen möchten, ist die Reichweite das A und O. Doch bevor das Thema der Reichweite vertieft wird, sollte man sich erstmal fragen, warum Instagram überhaupt den Algorithmus eingeführt hat?

Das basiert auf einem grundlegenden Problem, das Instagram mit steigender Nutzeranzahl bekommen hat. Weltweit hat Instagram momentan über 800 Millionen Nutzer, die natürlich alle fleißig Beiträge posten. Das führte zu einer sehr sehr hohen Beitragsfrequenz die es irgendwie zu verarbeiten galt, da es unmöglich ist, so viele Beiträge auf der Startseite eines Nutzer anzuzeigen. Circa 70% der Beiträge wurden auf der Startseite somit gar nicht mehr wahrgenommen. Nun hatte Instagram zwei Möglichkeiten zu handeln. Entweder den Nutzer in der Beitragsfrequenz limitieren, also dass man nicht mehr einfach so drauf los posten kann, sondern es ein Limit gibt, oder eben die Sortierung der Beiträge verändern. Von chronologisch zu relevant zu sortieren sollte das Nutzererlebnis besser machen. Für den Nutzer ist diese Änderung tatsächlich auch von Vorteil, da nun die beliebten (und auch oft großen) Accounts immer oben angezeigt werden und man nichts mehr verpasst. Doch was ist mit Accounts, die eine geringe Reichweite haben? Wie können die kleinen Fische im „Haifischbecken“ Instagram Beachtung finden?  

Vorerst ist wichtig zu wissen, dass jeder Beitrag eines Accounts nur 10% der Follower auch tatsächlich angezeigt wird. Doch diese 10% sind extrem wichtig, da sie darüber entscheiden wie der Beitrag eingeschätzt wird und welche Reichweite er womöglich generieren kann. Es geht also primär nicht um eine große Followeranzahl, sondern um Engagement, also Interaktion. Finden die 10% der Follower, denen der Beitrag angezeigt wird, diesen so interessant, dass sie liken, kommentieren, teilen und Nachrichten schreiben, generiert der Beitrag eine hohe Reichweite und der Instagram Algorithmus stuft den Beitrag auch als wichtig ein. Es steht und fällt also alles mit den Followern eines Accounts. Deswegen ist es von Vorteil, wenn unter den Followern wenige Ghost Accounts, oder Bots sind, die gar nicht von einem echten Nutzer erstellt worden sind, da diese dem Account auf keinen Fall viel Aufmerksamkeit schenken werden. Um für einen Nutzer möglichst interessant zu wirken gibt es verschiedene Techniken. Zum Beispiel sogenannte Engagement Posts, die den Nutzer dazu anregen sollen in den Kommentaren etwas zu dem Beitrag zu schreiben, jemanden zu verlinken oder irgendeine andere Aktion auszuführen. Auch das aktive nutzen der Instagram Features, wie zum Beispiel Hashtags, Verlinkungen, Gifs und Emojis helfen um bei Instagram als aktiver und relevanter Nutzer eingeschätzt zu werden.

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Doch hilft das alles wirklich?

Leider gehen die Meinungen über den neuen Instagram Algorithmus sehr weit auseinander. Viele Influencer bemerken trotz hoher Eigeninitiative einen Rücklauf der Followerzahlen. Für den normalen Nutzer ist das vielleicht ein bisschen schade, wenn ein paar Follower weniger angezeigt werden, doch gerade für Influencer und Blogger kann eine schwindende Followerzahl auch ein schwindendes Business bedeuten. Insbesondere seit Anfang 2018 scheint der Algorithmus aber Probleme zu bekommen. Immer öfter tauchen bei Nutzern oben im Feed Beiträge auf, die schon mehrere Tage alt sind und auf die unter Umständen schon interagiert worden ist. Neue Posts der Lieblingsaccounts erscheinen hingegen erst Tage später – und sind dann nicht mehr aktuell. Es gibt zwar die Möglichkeit für einzelne Accounts, von denen der Nutzer keinen Beitrag verpassen will, eine Benachrichtigung einzuschalten, aber in Zeiten in denen einen das Smartphone ohnehin schon vom Alltag abhält, ist es unwahrscheinlich, dass das wirklich jeder Nutzer für jeden seiner Lieblingsaccounts macht.

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Unter dem Hashtag #Blank formierte sich nun eine Protestbewegung um der Enttäuschung um die zurückgehende Reichweite Ausdruck zu verleihen. Instagram Nutzer teilen unter dem Bild folgenden Text und wenden sich damit direkt an die Plattform:

Liebes Instagram, wir müssen reden 💬 Um es ganz direkt zu sagen, dein neuer Algorithmus nervt! Wir als Content Ersteller sind frustriert, um es mal sachte auszudrücken. Wir stecken jeden Tag so viel Arbeit, Liebe und Zeit in unsere Accounts, um diese Plattform mit Leben zu erfüllen. Aber mit dem neuen Algorithmus, werden wir stumm gemacht. Wir werden in eine Position gezwungen, in der wir uns fragen müssen, ist es das wirklich noch wert zu bleiben? Wieso sollten wir weiter Content für eine Plattform erstellen, die es uns immer schwieriger und schwieriger macht? Was du vergisst, liebes Instagram, ist dass du von Menschen lebst, die hier ihre Arbeit teilen. Ohne uns, wäre hier alles nur leer.

Die Instagrammer sind bereit sich abzuwenden und eine neue Plattform zu suchen. Da  Sie nicht wollen, dass der Algorithmus die stundenlange Arbeit und Pflege des eigenen Accounts weiterhin egalisiert. Dass der Protest erfolgreich sein wird und Instagram zur chronologischen Reihung der Beiträge zurückkehrt, war von Anfang an extrem unwahrscheinlich. Schließlich beklagen sich Nutzer schon viel länger und intensiver über die Entwicklungen beim Mutterkonzern Facebook und auch dort ändert sich nichts. Obwohl die Erfolgschancen sehr gering waren, erzeugte die Aktion trotzdem eine gewisse Signalwirkung. Wenn Instagram weiterhin aktive Nutzer haben möchte, müssen die Macher aufpassen, dass aus Instagram nicht ein zweites Facebook wird. Es bleibt also weiterhin spannend, wie sich die Plattform und auch seine Nutzer weiterentwickelt.

Von: Mona Bolkart, Studentin der Kommunikationswissenschaft an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg

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Supermacht Cookies

Viele haben noch nie etwas von ihnen gehört, für Viele sind sie unsichtbar, Viele fürchten sich vor ihnen und Viele empfinden sie als nervig aber unverzichtbar: Cookies. Ohne Cookies würde das Internet, wie wir es kennen nicht funktionieren. Sie speichern unsere Anmeldedaten, registrieren unsere Aktivitäten im Netz und sichern sonstige Informationen über den Nutzern. Ein Beispiel: Ohne Cookies wüssten Onlinehändler nicht, welcher Warenkorb zu welchem Konto gehört, wie die Zahlungen abgewickelt werden, geschweige denn, wohin das Produkt geliefert werden soll. Eine Bestellung wäre somit unmöglich. Cookies sind also auch dazu da, unsere Shopping Bedürfnisse zu stillen. Hört sich doch erst mal ganz gut an.
Genau dieses Speichern von Informationen und Aktivitäten bringt aber auch eine Schattenseite mit sich. Bekannte Internetfirmen wie Google oder Microsoft nutzen diese Informationen, um ein Nutzerprofil zu erstellen. Vom Mensch zur Nummer. Mit jedem einzelnen Klick wird man mehr zum Objekt und Gut der Firmen. Diese verkaufen nämlich die Informationen wiederum an die Onlinehändler, welche also jederzeit Zugriff auf unsere kompletten Aktivitäten im Netz haben. Auf einmal wird logisch, warum mir, nachdem ich gestern ein neues Smartphone gekauft habe, heute die dazu passende Hülle, Kopfhörer, Displayschutzfolie und vieles mehr angeboten wird. Klingt unheimlich? Ist es auch.

Ich starte den Selbstversuch: Ich deaktiviere und blockiere alle Cookies in meinem Browser und starte das Internet neu. Bisher geht alles wie gewohnt, Google lädt und ich kann erfolgreich recherchieren, was mich interessiert. Auch das Streamen von Videos über YouTube ist kein Problem. Selbst bei Amazon kann ich durch das Sortiment stöbern. Ich werde zwar mehrmals dazu aufgefordert, meine Cookies zu aktivieren, lehne allerdings ab. Kann es wirklich so einfach sein, die Internetgiganten dieser Welt auszutricksen?
Ich bin leicht überrascht und gehe eine Stufe weiter. Ich öffne Twitter, um der ganzen Welt von meiner Entdeckung zu berichten. Direkt kommt der Hinweis, dass ich durch die erstmalige Anmeldung bei Twitter Cookies akzeptiert habe und diese aktivieren muss, um den Service zu nutzen. Da bisher ignorieren ein plausibles Mittel war, ändere ich nichts an meiner Strategie und gebe meinen Benutzernamen in das dafür vorgesehene Feld ein. Anschließend schnell das Passwort und „Enter“. Nichts passiert, der Benutzername ist noch da, das Passwort wurde gelöscht. Ein Eingeben ist nicht möglich, die Seite hat automatisch das Feld gesperrt und Twitter somit unbrauchbar gemacht. Gleiches passiert bei meinem Mailanbieter und selbst Amazon funktioniert jetzt nicht mehr.

Google Mail

Ernüchterung tritt ein, gefolgt von der Einsicht, dass diese Seiten auch die Cookies brauchen, um das richtige Konto dem Benutzernamen zuordnen zu können. Eine Benutzung des Internets ohne das freiwillige zur Verfügung stellen der persönlichen Daten ist somit also nicht möglich. Einen Tod muss man sterben. Letztendlich ist das Internet in der heutigen Zeit zu wichtig, um ohne klar zukommen. Ich aktiviere wieder alle Cookies und akzeptiere, mir in nächster Zeit wahrscheinlich eine Hülle für mein Handy zu kaufen, da mir die Eine, welche ich als Werbebanner auf einer Seite angezeigt bekomme, doch sehr gut gefällt. Glücklicherweise war ich nicht der erste Mensch, der versucht hat, sich gegen die Cookies zu wehren. Mittlerweile gibt es viele Programme und Add Ons, wie zum Beispiel „Click&Clean„, die nach jedem Aufruf des Browsers alle gespeicherten Cookies und erstellten Profile löschen.

Leona Bürzle

Kommunikationswissenschaft und Germanistik, Otto-Friedrich-Universität Bamberg

 

Revolution des Social Web

Er ist seit gut zwei Jahren in aller Munde: der Bitcoin. Manchen ein Mysterium, für andere eine längst praktizierte Zahlungsmethode, wird er als visionäre Währung gehypt und soll den Finanzmarkt im Internet revolutionieren. Das eigentliche Potential für das Social Web steckt jedoch in der Blockchain-Technologie, die sich hinter der Kryptowährung verbirgt. Bei einer Blockchain handelt es sich um eine dezentrale Datenbank, in der Datensätze in Blöcken aneinander gereiht werden wie in einer Kette, daher der Name. Dank der Dezentralität werden die Daten nicht auf einem einzelnen Server gespeichert oder unterliegen dem Zugriff einer Firma. Vielmehr ist die Datenbank über viele Computer verteilt und dadurch vor Hackern und Missbrauch durch Dritte geschützt. Dieses Video geht etwas ausführlicher auf die Funktionsweise der Blockchain ein:

 

Diese Technologie bietet jedoch viel mehr als „nur“ eine bequeme und sichere Gelegenheit, Geld zu transferieren. Durch Blockchain ergibt sich ein breites Spektrum neuer Möglichkeiten: Musiker könnten ihre Werke veröffentlichen, ohne um die Bezahlung für deren Nutzung betrogen zu werden oder es könnten medizinische Frühwarnsysteme entstehen, die Ärzte und Patienten rechtzeitig über kritische Blutwerte informieren. Das sind nur zwei von vielen Beispielen, die durch die Anwendung von Blockchains möglich wären.

 

Google, Facebook und Co. bekommen Konkurrenz

Blockchain-basierte Soziale Netzwerke sind noch in der Anfangsphase, nichtsdestotrotz bereits Realität. Das Social Web kämpft mit vielen Schattenseiten, darunter auch die Datenschutzprobleme, die mit der Nutzung von Facebook und Co. einhergehen. Diese Megakonzerne verdienen Milliarden mit unseren Daten, während wir oft gar nicht merken, dass wir diese überhaupt preisgeben. Dem setzen die Gründer von Blockstack, Muneeb Ali und Ryan Shea, ihr dezentralisiertes Internet entgegen. Seit 2013 arbeiten sie an ihrer Plattform, die sie als neues Internet beschreiben, in dem man als Nutzer auch einziger Besitzer der eigenen Daten ist. Gespeichert werden diese auf dem persönlichen Endgerät. Blockstack lädt dazu ein, Teil des Aufbaus eines revolutionären neuen Internets zu sein, das Freiheit, Sicherheit und Privatsphäre verspricht. Und tatsächlich: Ein bisschen fühlt man sich beim Erstellen des eigenen Blockstack Kontos wie Kolumbus, der gerade Amerika entdeckt. Allerdings sieht Amerika nicht wirklich anders aus als Europa. Der Browser wirkt auf den ersten Blick übersichtlich und benutzerfreundlich, als Laie erkennt man den Unterschied zu einem gewöhnlichen AppStore nicht, den die Blockchain-Technologie mit sich bringt. Und doch wird immer klarer, dass Sicherheit und Datenschutz hier an erster Stelle stehen, je mehr man sich mit dem Aufbau der Plattform beschäftigt. Es gibt keine Mittelsmänner oder andere Dritte, die private Informationen für eigene Zwecke missbrauchen könnten. Die Plattform steht Entwicklern offen, die dort dezentralisierte Apps entwickeln. Jedoch sind erst wenige davon benutzerfertig, darunter befindet sich ein Forum, in dem sich die User gegenseitig austauschen können.

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Meine Leistung, mein Lohn!

Facebook ist nicht nur ein soziales Netzwerk, sondern auch das größte Medienunternehmen der Welt – und das, ohne eigene Inhalte zu produzieren. Die Arbeit liegt beim Nutzer, das Unternehmen profitiert. Eine weitere dezentral aufgebaute Plattform behandelt ihre User da deutlich fairer: Steemit bezahlt Blogger für das Posten von Beiträgen mit der Kryptowährung Steem, ähnlich dem Bitcoin. Je mehr Upvotes und Kommentare ein Post bekommt, desto höher fällt die Belohnung aus. Es lohnt sich also, Mühe in qualitativ hochwertige Beiträge zu investieren. Tim Cliff, der der Steemit Community bereits beitrat, als sie noch in den Kinderschuhen steckte, gefällt genau das am besten: „Leute haben die Möglichkeit, Geld zu verdienen, indem sie der Plattform Wert verleihen. Ich denke zwar, dass Steemit und herkömmliche soziale Netzwerke wie Facebook sehr verschieden sind und beide Seite an Seite florieren können. Letztlich werden die User aber dorthin gehen, wo ihre Zeit wertgeschätzt wird und sie diese am besten Nutzen können.“

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Die Zahl der Steemit User wächst immer weiter, Ende Februar 2018 sind es bereits über 800.000 Accounts. Natur, Kunst und natürlich Kryptowährungen sind nur einige wenige von zahlreichen Kategorien, in denen die Mitglieder des sozialen, auf einer Blockchain aufgebauten Netzwerks ihre Inhalte erstellen. Auch Kommentare selbst werden mit Steem honoriert. Die Bezahlung erfolgt nicht durch andere User, sondern durch das Netzwerk. Die Blockchain-Technologie ermöglicht auch hier sichere und schnelle Transaktionen. Der Anreiz der Belohnung scheint zu funktionieren: Die Nutzer und Blogger unterstützen sich und bilden ein Miteinander, anstatt gegeneinander zu arbeiten. Steemit mag somit vielleicht tatsächlich das sozialste Netzwerk überhaupt sein. Vorreiter im Bereich des Blockchain-basierten Social Web ist es allemal.

 

Selina Jörgensen

Kommunikationswissenschaft, Otto-Friedrich-Universität Bamberg

Politik und Social Media – geht das?

Wir haben ein neues Zeitalter erreicht. Das Zeitalter von Obama als „Präsident 2.0“ und Donald Trump als Twitter-König. Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten scheint eine neue Methode der Politik erfunden zu haben: Politik über Social Media. Ob Hillary Clintons private Hochzeitsfotos oder Donald Trumps persönliche Meinung über Nordkoreas Machthaber: beides hat mit ihrer Tätigkeit als Politiker nicht viel zu tun, findet sich aber auf ihren offiziellen Kanälen wieder.

In Amerika gang und gäbe, doch in Deutschland scheint den Wenigsten bewusst zu sein, dass auch unsere Parteien und Politiker ihr Glück in den sozialen Netzwerken versuchen. In der Hoffnung auch das junge Publikum zu erreichen, bemühen sich Angela Merkel, Christian Lindner und Co. ansprechende Beiträge zu erstellen. Nur scheint die Welt der Influencer und YouTuber den alteingesessenen Politikern nicht vertraut zu sein und Bildbeschriftungen, wie hier bei Angela Merkel, ähneln eher Beiträgen der Tagesschau.

Gemeinsam engagiert: Kanzlerin Merkel, Frankreichs Präsident @emmanuelmacron und Italiens Ministerpräsident @paologentiloni auf dem Weg zum Treffen mit Journalisten in Brüssel. Am Vormittag hatten Sie gemeinsam an einer Konferenz mit fünf Staaten der Sahel-Region teilgenommen. Das Ziel: der Kampf gegen Schlepperbanden und Hilfe für die Menschen vor Ort, damit diese in ihrer Heimat bleiben können. — Committed together: Chancellor Merkel, French President Macron and Italian Prime Minister Paolo Gentiloni are on their way to a press briefing in Brussels. Today, they participated at a conference dedicated to the Sahel region to prevent illegal migration and to create better prospects for the people to stay in their home countries.

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Aber wollen die Deutschen überhaupt Politiker, die zu Allem auf Twitter Stellung nehmen und zu Instagram-Models werden? Man stelle sich vor, wie Martin Schulz für naturalmojo wirbt und Angela Merkel den ersten NAKD-Haul in ihrer Story veröffentlicht. Doch selbst ohne Werbebeiträge kann die starke Nutzung von Social Media zum Verlust der Glaubwürdigkeit führen, wie uns der Fall Donald Trump deutlich zeigt. Auch Beiträge wie dieser unterstützen nicht unbedingt das professionelle Erscheinungsbild eines bayrischen Ministerpräsidenten:

Es ist der Kampf zwischen Professionalität und Authentizität.

Nutzer von Social-Media erhoffen sich Einblicke, die sie durch die offizielle Berichterstattung nicht bekommen. Eine Art „Hinter den Kulissen“ von den Menschen, die uns regieren wollen. Wir wollen so viel Persönlichkeit wie möglich, ohne dass die Seriosität dran glauben muss, und so viel Professionalität wie möglich, ohne dass es unecht wirkt. Wie sooft ist der Mittelweg das Ideal und wie sooft ist dieser schwer zu erreichen. Im politisch korrekten Deutschland möchte man auf Professionalität nicht verzichten und die private Welt ist nahezu irrelevant (Oder wissen sie wie der Ehemann von Frau Merkel aussieht?). In Amerika undenkbar. Hier wird Politik mit der ganzen Familie gemacht. Gerade zu Wahlkampfzeiten sind Ehepartner und Kinder fest in die Politik eingebunden.

Vielleicht ist auch das Grund, weshalb man auch in den sozialen Netzwerken nicht so viel Wert auf die Präsentation des Privatlebens legt: es ist einfach nicht von Bedeutung. Aber gerade die jüngere Generation, die ja mit den Werbeauftritten angelockt werden soll, freut sich über private Einblicke in das Leben der Politiker. Heutzutage wird geradezu erwartet als Person des öffentlichen Lebens seine Fans mit regelmäßigen Updates über den eigenen Alltag zu versorgen. Eine Welt, die für langjährige Dauermitglieder des Bundestags einfach fremd ist und unterschätzt wird.

Christian Lindner macht es vor

Und doch gibt es ihn, den einen, der alles richtig macht. Unabhängig von seiner politischen Botschaft ist Christian Lindners Account auf Instagram tadellos. Vom Selfie mit Kollegen, über Urlaubsfotos, bis hin zur Arbeit im Bundestag: Christian Lindner nimmt seine Abonnenten mit in seine privaten Alltag und bleibt dabei stets professionell als Chef der Freien Demokraten. Wie viele Leute hinter den Beiträgen sitzen und wie viel tatsächlich von ihm kommt bleibt fraglich, jedoch wirken sie stets persönlich und authentisch.

Die Nutzung von sozialen Netzwerken ohne den Verlust von Professionalität und Glaubwürdigkeit ist also durchaus möglich. Es bedarf nur etwas Übung und Nachhilfe in Sachen Social Media.

Grundsätzlich wird dem neuen Medium zu wenig Beachtung geschenkt. Es befindet sich auf dem Vormarsch und die kommenden Generationen sind fest in dieses System integriert, weshalb auch Politiker hier adäquat vertreten sein sollten. Gerade so werden junge Wähler erreicht und dazu gebracht, sich mit politischen Themen und Parteien auseinander zusetzen. Man spricht immer von zunehmender Politikverdrossenheit: Social Media ist eine gute Möglichkeit dem entgegenzuwirken. Nutzer von Facebook, Twitter und Instagram werden auf eine Weise erreicht, die konventionellen Medien nicht möglich ist.

Auch für die politischen Akteure selbst rentiert sich die Nutzung. Durch die gegebene Anonymität ist das Feedback direkter und authentischer, wodurch man einen besseren Überblick über das allgemeine Meinungsklima erhält. Und ist die Meinung der Wähler nicht das, was Demokratie ausmacht?

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Linda Watzl

Kommunikationswissenschaft

Otto-Friedrich-Universität

 

 

Jodel und der Erfolg durch Anonymität

Anonymität im Netz – häufig verbindet man damit nur Negatives. Gut gelegen kommt sie vor allem Trollen, die unangebrachte Kommentare und Hass-Postings unter Social-Media Beiträgen oder Online-Artikeln hinterlassen und  sich dabei hinter Fake-Accounts verstecken. Immer mehr Nutzern von Social-Media Plattformen geht das auf die Nerven, denn die Auseinandersetzung mit solchen Trollen verlangt Zeit und viel Geduld und ist selten von Erfolg geprägt.

Bei der Studenten-App Jodel, allerdings, scheint genau diese Anonymität den Erfolg auszumachen. Jodel wurde im Jahr 2014 vom Studenten Alessio Borgemeyer gegründet, der das Unternehmen mit Hilfe seiner Freunde Tim Schmitz, Niklas Henckell und Alexander Linewitsch leitet und das mittlerweile Anklang in vielen Ländern findet – von Skandinavien bis zu den Vereinigten Staaten. Die Idee hinter der App ist die, dass Menschen innerhalb eines Zehn Kilometer-Umkreises miteinander kommunizieren können. So soll die Unterhaltung von einem Campus-Ende zum anderen ermöglicht werden. Um selbst mitzujodeln, sind die Standort-Daten ausreichend, ein Profil wird nicht benötigt. In der App können Fotos mit kurzen Sätzen, aber auch Texte mit beschränkter Länge gepostet werden. Dadurch wird den Nutzern die Möglichkeit gegeben, sich über den Uni-Alltag auszutauschen, oder Anekdoten aus dem Alltag oder lustige Sprüche mit anderen Nutzern zu teilen.

War Jodel zu Beginn eine komplett anonyme Sache, wurde dies über die Jahre dennoch leicht angepasst, um Missbrauch vorzubeugen. So werden Nutzer, die einen Jodel posten, automatisch als „OJ“, also als Original-Jodler markiert, sodass sich dieser nicht unbemerkt selbst antworten und eine Diskussion manipulieren kann. Die Antwort-Jodler werden durchnummeriert. Der Nutzer, der zuerst antwortet, wird also somit als „1“ bezeichnet. Schreibt dieser in derselben Diskussion einen weiteren Beitrag, können andere Nutzer diesen Beitrag dem ersten Antwort-Jodler zuordnen. Wer sich allerdings hinter „OJ“ und den Antwort-Jodlern versteckt, bleibt anonym und kann nur in Fällen von Missbrauch durch die Entwickler enttarnt werden.

Doch verleitet die Anonymität der App nicht umso mehr zum Trollen? Natürlich stolpert man auch hier immer wieder über Hasspostings oder geschmacklose Inhalte. Diese werden aber zum einen durch ein „Up-vote“-„Down-vote“-System kontrolliert. Gefällt einem ein Beitrag, kann man diesen positiv bewerten, also „up-voten“. Gefällt einem ein Beitrag nicht, bekommt er „down-votes“. Wird ein Jodel 5 mal mehr „gedown“- als „geupvotet“ und steht somit bei einer Bewertung von -5, wird er automatisch gelöscht und erscheint nicht mehr im Newsfeed. Zum anderen können unangemessene Inhalte aber auch gemeldet werden. Dabei wird dieser Jodel von einer Mehrzahl von Moderatoren bewertet, die dann entscheiden, ob ein Beitrag erlaubt, oder blockiert werden sollte.  Moderatoren sind Nutzer, die schon lange in der Jodel-Community dabei sind, viele positiv bewertete Beiträge posten, nicht gegen die Richtlinien verstoßen und anderen Jodlern durch die Beantwortung von Fragen weiter helfen. Generell funktioniert dieses System sehr gut, trollt man herum, muss man damit rechnen, dass der Beitrag schnell wieder gelöscht wird und der Nutzer im Zweifel dauerhaft gesperrt werden kann. Dadurch nehmen Trolle nicht wie bei anderen sozialen Netzwerken überhand, sondern werden schnell in die Schranken gewiesen.

Anhand von Jodel kann man sehen, dass die Anonymität im Bereich von Social-Media auch positive Seiten haben und durchaus sinnvoll genutzt werden kann. So fällt es vielen Menschen leichter, Fragen zu persönlichen und intimen Themen zu stellen und Hilfe in Form von Ratschlägen und Tipps von anderen Jodlern zu bekommen. Desweiteren können Diskussionen wesentlich ehrlicher geführt werden, da die Anonymität das Phänomen der sozialen Erwünschtheit von Antworten eliminiert und die Wiedergabe der eigenen Meinung keinerlei Konsequenzen für das Individuum hat, insofern diese keinen beleidigenden Inhalte aufweist. Fragen über die Wahl von Kursen für das nächste Semester, über Prüfungsleistungen oder über persönliche Probleme im Studium oder im Alltag werden hier häufiger gestellt als zum Beispiel in Facebook-Gruppen. Auch Informationen zu Veranstaltungen oder Aufrufe zu diversen Spendenaktionen werden durch Jodel regelmäßig kommuniziert und über die ganze Stadt verbreitet.  Generell gilt der Grundsatz „jhj“, also „Jodler helfen Jodlern“, welcher Trolle und deren Inhalte in den meisten Fällen in den Schatten stellt.

Zum Abschluss stellt sich die Frage, ob ein ähnliches System, das die Kontrolle von Inhalten auf den Nutzer überträgt, in angepasster Form nicht auch auf anderen Social-Media Plattformen anwendbar ist und ob dadurch der Missbrauch von Anonymität im Internet nicht zumindest eingeschränkt werden kann.

 

Magdalena Herden

Otto-Friedrich-Universität Bamberg

Kommunikationswissenschaft