#metoo – sexueller Missbrauch oder doch nur ein schlechtes Date?

#metoo, ich auch. Dieser Hashtag sorgt seit einiger Zeit für ganz schön viel Wirbel in unsrer Gesellschaft. Unter dem Hashtag erzählen Frauen offen von ihren Erfahrungen mit sexueller Belästigung und Missbrauch. Losgelöst wurde dies im Oktober letzten Jahres von der amerikanischen Schauspielerin Alyssa Milano.

Doch die #metoo Bewegung hatte ihren eigentlichen Ursprung eigentlich schon über ein Jahrzehnt vorher. Die Aktivistin Tarana Burke rief die Kampagne ins Leben um Frauen „durch Empathie zu ermächtigen“. Inspiriert sei der Leitspruch von einem Treffen mit einem 13-jährigen Mädchen, das sich ihr anvertraute und von ihrem sexuellen Missbrauch erzählte. Burke wusste nicht wie sie darauf reagieren sollte, sagte aber später, dass die beste Antwort wohl „me too“, also ich auch, gewesen wäre. #metoo soll also auf ein sehr schwerwiegendes Problem in unsrer Gesellschaft aufmerksam machen und Solidarität zwischen den zumeist weiblichen Opfern schaffen.

Doch wie problematisch ist eine solche Bewegung, deren offenbarer Höhepunkt bis dato ist, dass gestandene Größen Hollywoods zu einem „Black Tie Event“ (also einer Veranstaltung, bei der darum gebeten wird in formeller und hier expliziet auch in schwarzer Kleidung zu kommen), ganz überraschend und revolutionär, in schwarz kamen. Ein Statement wurde gesetzt und die ganze Welt hat darüber berichtet. Doch wie glaubwürdig ist ein solches Statement, wenn Männer, die mit einem „Times Up“ Button an der Brust auf dem roten Teppich mit ihrer Solidarität für die Frauenbewegung prahlen, während ihnen im gleichen Moment vorgeworfen wird, genau das zu tun wogegen sie sich so stolz positionieren. Und ist es nicht ein bisschen heuchlerisch, dass sich ganz Hollywood noch vor weniger als einem Jahr ganz stolz mit dem nun betitelten „Monster“ Harvey Weinstein fotografieren ließ, als wüssten viele nicht schon seit Jahren von seinem Geheimnis?

Das #metoo – Movement und die daraus entstandenen Time’s Up Kampagne sind sehr wichtig, denn sie zeigen, dass unsere Gesellschaft Opfern von sexuellem Missbrauch endlich zuhört, doch hat die Bewegung ein falsches Gesicht. Wir verurteilen Weinstein, Spacey, Cosby und co., doch Hans, Jonas und Lukas werden dabei komplett vergessen. Was ist mit den „normalen“ Menschen. Mit Frauen, die  von ihrem Partner zum Sex genötigt werden. Frauen, die sich täglich vom Chef am Hintern rumgrabschen lassen müssen, weil sie Angst davor haben ihren Job zu verlieren während zuhause ihre hungrigen Kinder sitzen. Wo sind diese Geschichten, wieso bekommen diese keine Aufmerksamkeit? Liegt es daran, dass sie nicht in unser gesellschaftliches Bild von der brutalen Vergewaltigung passen oder einfach daran, dass die Opfer Anna, Julia oder Claudia heißen und keine Sternchen am Pop- oder Hollywoodhimmel sind? Viele Schauspielerinnen haben zu den Golden Globes Aktivistinnen als ihre Begleitung gewählt. Doch, so scheint es, bekamen nicht die Aktivistinnen, also die, die die wirkliche Arbeit machen und das schon seit Jahren, sondern die Schauspielerinnen die mediale Aufmerksamkeit.

Neben dem Problem der richtigen Aufmerksamkeitsverteilung gibt es noch ein viel wichtigeres Problem. Bevor nun Geschichten von längst vergessenen schlechten Dates in den sozialen Medien landen, sollten wir uns die Frage stellen, wie genau man sexuellen Missbrauch bzw. Belästigung definiert. Der Grad ist ein sehr schmaler. Und eben deswegen sollte man auch genau überlegen, was man unter dem #metoo schreibt.

Ansari

Der Bericht zum Fall Ansari auf babe.net

Vor kurzem beschuldigte eine New Yorker Fotografin den Comedian Aziz Ansari des sexuellen Missbrauch. Es gab sehr viele Meinung zu dem Vorfall: ein schlechtes Date, sexueller Missbrauch, Machtmissbrauch. Wer sich den Artikel durchliest, erkennt, sowie Journalistin Anna North, dass

„was sie beschreibt – ein Mann, der mehrmals Sex fordert ohne mitzubekommen (oder ohne sich darum zu kümmern), wie es ihr geht – ist etwas, dass sehr sehr viele Frauen erleben, wenn sie auf Männer treffen. Während wenige Männer solch unzählige Missetaten, für die Weinstein beschuldigt wird, getan haben, viele Männer haben sich wahrscheinlich schon mal so benommen wie sich Ansari laut Grace [der Fotografin, Anm.d.Verf.] benahm – zu sehr auf die eigene Lust fokussiert, um zu sehen, was der Partner möchte.“

Der Fall Ansari zeigt, dass es zwischen Missbrauch und unangenehmen sexuellen Begegnungen eine sehr schwammige Linie gibt. Ansari war sich seines Verhaltens, so wie viele Männer, nicht bewusst und entschuldigte sich bei der Fotografin, welche sich selbst nicht so sicher war, wie genau sie dieses Erlebnis einordnen soll. Dies soll Ansaris Handeln nicht entschuldigen, es aber in Perspektive rücken. Das was er tat mag für viele zwar nicht unter die Definition von Missbrauch fallen, dennoch zeigt es ein Problem auf, an dem wir als Gesellschaft, über Geschlechtergrenzen hinweg, arbeiten müssen. Frauen müssen bestärkt werden in solchen Situationen standhafter zu bleiben und Männern muss endlich beigebracht werden, dass Frauen, entgegensetzlich vieler Vorurteile,  durchaus öfter genau das meinen was sie sagen.

So gut und notwendig die #metoo Bewegung auch ist, man muss sehr vorsichtig damit umgehen. Denn sonst wird aus einer Solidaritätsbewegung schnell eine Hexenjagd, deren eigentlicher Raison d’être in Vergessenheit gerät.

Karin Hornung
Kommunikationswissenschaft & Anglistik, Otto-Friedrich Universität Bamberg

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