#metoo – sexueller Missbrauch oder doch nur ein schlechtes Date?

#metoo, ich auch. Dieser Hashtag sorgt seit einiger Zeit für ganz schön viel Wirbel in unsrer Gesellschaft. Unter dem Hashtag erzählen Frauen offen von ihren Erfahrungen mit sexueller Belästigung und Missbrauch. Losgelöst wurde dies im Oktober letzten Jahres von der amerikanischen Schauspielerin Alyssa Milano.

Doch die #metoo Bewegung hatte ihren eigentlichen Ursprung eigentlich schon über ein Jahrzehnt vorher. Die Aktivistin Tarana Burke rief die Kampagne ins Leben um Frauen „durch Empathie zu ermächtigen“. Inspiriert sei der Leitspruch von einem Treffen mit einem 13-jährigen Mädchen, das sich ihr anvertraute und von ihrem sexuellen Missbrauch erzählte. Burke wusste nicht wie sie darauf reagieren sollte, sagte aber später, dass die beste Antwort wohl „me too“, also ich auch, gewesen wäre. #metoo soll also auf ein sehr schwerwiegendes Problem in unsrer Gesellschaft aufmerksam machen und Solidarität zwischen den zumeist weiblichen Opfern schaffen.

Doch wie problematisch ist eine solche Bewegung, deren offenbarer Höhepunkt bis dato ist, dass gestandene Größen Hollywoods zu einem „Black Tie Event“ (also einer Veranstaltung, bei der darum gebeten wird in formeller und hier expliziet auch in schwarzer Kleidung zu kommen), ganz überraschend und revolutionär, in schwarz kamen. Ein Statement wurde gesetzt und die ganze Welt hat darüber berichtet. Doch wie glaubwürdig ist ein solches Statement, wenn Männer, die mit einem „Times Up“ Button an der Brust auf dem roten Teppich mit ihrer Solidarität für die Frauenbewegung prahlen, während ihnen im gleichen Moment vorgeworfen wird, genau das zu tun wogegen sie sich so stolz positionieren. Und ist es nicht ein bisschen heuchlerisch, dass sich ganz Hollywood noch vor weniger als einem Jahr ganz stolz mit dem nun betitelten „Monster“ Harvey Weinstein fotografieren ließ, als wüssten viele nicht schon seit Jahren von seinem Geheimnis?

Das #metoo – Movement und die daraus entstandenen Time’s Up Kampagne sind sehr wichtig, denn sie zeigen, dass unsere Gesellschaft Opfern von sexuellem Missbrauch endlich zuhört, doch hat die Bewegung ein falsches Gesicht. Wir verurteilen Weinstein, Spacey, Cosby und co., doch Hans, Jonas und Lukas werden dabei komplett vergessen. Was ist mit den „normalen“ Menschen. Mit Frauen, die  von ihrem Partner zum Sex genötigt werden. Frauen, die sich täglich vom Chef am Hintern rumgrabschen lassen müssen, weil sie Angst davor haben ihren Job zu verlieren während zuhause ihre hungrigen Kinder sitzen. Wo sind diese Geschichten, wieso bekommen diese keine Aufmerksamkeit? Liegt es daran, dass sie nicht in unser gesellschaftliches Bild von der brutalen Vergewaltigung passen oder einfach daran, dass die Opfer Anna, Julia oder Claudia heißen und keine Sternchen am Pop- oder Hollywoodhimmel sind? Viele Schauspielerinnen haben zu den Golden Globes Aktivistinnen als ihre Begleitung gewählt. Doch, so scheint es, bekamen nicht die Aktivistinnen, also die, die die wirkliche Arbeit machen und das schon seit Jahren, sondern die Schauspielerinnen die mediale Aufmerksamkeit.

Neben dem Problem der richtigen Aufmerksamkeitsverteilung gibt es noch ein viel wichtigeres Problem. Bevor nun Geschichten von längst vergessenen schlechten Dates in den sozialen Medien landen, sollten wir uns die Frage stellen, wie genau man sexuellen Missbrauch bzw. Belästigung definiert. Der Grad ist ein sehr schmaler. Und eben deswegen sollte man auch genau überlegen, was man unter dem #metoo schreibt.

Ansari

Der Bericht zum Fall Ansari auf babe.net

Vor kurzem beschuldigte eine New Yorker Fotografin den Comedian Aziz Ansari des sexuellen Missbrauch. Es gab sehr viele Meinung zu dem Vorfall: ein schlechtes Date, sexueller Missbrauch, Machtmissbrauch. Wer sich den Artikel durchliest, erkennt, sowie Journalistin Anna North, dass

„was sie beschreibt – ein Mann, der mehrmals Sex fordert ohne mitzubekommen (oder ohne sich darum zu kümmern), wie es ihr geht – ist etwas, dass sehr sehr viele Frauen erleben, wenn sie auf Männer treffen. Während wenige Männer solch unzählige Missetaten, für die Weinstein beschuldigt wird, getan haben, viele Männer haben sich wahrscheinlich schon mal so benommen wie sich Ansari laut Grace [der Fotografin, Anm.d.Verf.] benahm – zu sehr auf die eigene Lust fokussiert, um zu sehen, was der Partner möchte.“

Der Fall Ansari zeigt, dass es zwischen Missbrauch und unangenehmen sexuellen Begegnungen eine sehr schwammige Linie gibt. Ansari war sich seines Verhaltens, so wie viele Männer, nicht bewusst und entschuldigte sich bei der Fotografin, welche sich selbst nicht so sicher war, wie genau sie dieses Erlebnis einordnen soll. Dies soll Ansaris Handeln nicht entschuldigen, es aber in Perspektive rücken. Das was er tat mag für viele zwar nicht unter die Definition von Missbrauch fallen, dennoch zeigt es ein Problem auf, an dem wir als Gesellschaft, über Geschlechtergrenzen hinweg, arbeiten müssen. Frauen müssen bestärkt werden in solchen Situationen standhafter zu bleiben und Männern muss endlich beigebracht werden, dass Frauen, entgegensetzlich vieler Vorurteile,  durchaus öfter genau das meinen was sie sagen.

So gut und notwendig die #metoo Bewegung auch ist, man muss sehr vorsichtig damit umgehen. Denn sonst wird aus einer Solidaritätsbewegung schnell eine Hexenjagd, deren eigentlicher Raison d’être in Vergessenheit gerät.

Karin Hornung
Kommunikationswissenschaft & Anglistik, Otto-Friedrich Universität Bamberg

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Über Social Media Trolle und ihr politisches Potenzial

Nicht erst seit der „Staatsaffäre Böhmermann“ ist bekannt, dass der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan sehr bemüht ist seinen Ruf zu wahren, und hierbei auch gerne medienwirksam zu Werke zu gehen. Während in diesem Fall der offizielle Weg über deutsche Gerichte gewählt wurde, ist der türkische Präsident jedoch auch gerne gewillt bei der Wahrung seines Ansehens und der Durchsetzung seines Willens über die Grenzen des Erlaubten zu treten – Staatsmänner, die wider Erdogans Ansichten handeln werden verfolgt oder verjagt, Regime-kritische Journalisten mundtot gemacht oder eingesperrt. Und trotz all dieser demokratiefeindlichen Akte gewinnt Erdogan immer mehr an Zuspruch der Wähler.

800px-Gezi_Park_protestsGezi Park protests; Urheber: Alan Hilditch

Absurde Folgen der Gezi-Proteste

Dies war jedoch nicht immer der Fall. Denn vor allem im Rahmen der Gezi-Proteste 2013 wurden vermehrt Stimmen laut, die sich auch gegen die steigende Macht des damaligen Ministerpräsidenten Erdogans aussprachen. Mittels sozialer Medien mobilisierten sich mehrere Millionen, meist junger liberaler Türken, um gemeinsam auf die Straße zu gehen, frei ihre Meinung zu äußern und den totalitären und islamistischen Trend des Regimes zu beanstanden. Beinahe ironisch mutet es da an, dass ebenjene Proteste dazu führten, dass die Regierung ihren Autoritarismus weiter steigern konnte. Wie von Wikileaks veröffentlichte Mails nämlich belegen, sah die türkische Regierung den Grund für die Größe der Proteste in eben den sozialen Medien. Auch wenn die AKP große Teile der Massenmedien kontrollierte, hätten sie gegen die „Desinformationen“ und „Provokationen“ der Protestierenden nur wenig entgegenzusetzen gehabt – vor allem den sozialen Medien wurde hierbei eine gewisse „Dominanz“ zugeschrieben. Um diese Dominanz zu brechen müsse man nun eine „virtuelle Werkstatt“ einsetzen, welche „Direkt in die virtuelle Welt der Individuen eindringen [müsse], um zu ihrer Stimme, ihrem Übersetzer und Analysten“ zu werden – sprich: die Regierung müsse eine Instanz schaffen, welche soziale Medien nutzt, um die Meinung der Bürger zu bilden. U.a. professionelle Social-Media-Experten, Politik- und Wirtschaftswissenschaftler, Techniker und Grafiker und sogar ehemalige Armeeoffiziere aus dem Gebiet der psychologischen Kriegsführung seien den geleakten Dokumenten nach als staatliche Social-Media Trolle eingesetzt worden, mit der Aufgabe Twitter, Facebook, Bloggs und Co zu nutzen, um mit erfundenen Berichten und Falschmeldungen Stimmung gegen westliche Politiker zu machen, Kritiker zu denunzieren und Erdogan stärken, indem sie Online-Diskussionen lenken und Debatten verzerren. Der Erfolg lässt sich dadurch erklären, dass Menschen ihr Umfeld und die Stimmung darin beobachten und ihre Meinung daran angleichen, um nicht sozial isoliert zu werden, wie es die Theorie der Schweigespirale erläutert.

Vladimir_Putin_met_with_Recep_Tayyip_Erdogan_2016-10-10_08Vladimir Putin met with Recep Tayyip Erdogan 2016-10-10; Quelle: Kremlin.ru

Russland als Vorreiter

Inspiration hierfür holte Erdogan sich vermutlich auch aus Russland. Dort nutzte Wladimir Putin nämlich schon das politische Potenzial sozialer Medien in seiner sogenannten „Internet Research Agency“ für sich und seine Ziele. Wie Lyudmila Savchuk, eine ehemalige Angestellte der staatlichen Trollfabrik in einem Interview mit dem „Spiegel“ verriet, würden in Russland zumeist junge Studenten bezahlt werden, um in Zwölstundenschichten über soziale Kanäle die schlimmen Zustände, in der Europäischen Union anzuprangern, russische Staatsmänner anzupreisen oder Oppositionelle, wie beispielsweise den 2014 ermordeten Regimekritiker Boris Nemzow zu schmähen. Wie in der Türkei auch, handelt es sich bei den verbreiteten Meldungen jedoch so gut wie immer um Falschmeldungen. Wenn man bedenkt, dass sie mit einer Bezahlung von knapp 700€ sogar über dem Monatseinkommen des Durchschnittsrussen liegt, erklärt sich auch wieso die Arbeit als Social-Media-Troll so begehrt ist, und das obwohl die postulierten Nachrichten häufig gar nicht mit den Ansichten der Verbreiter übereinstimmen. Auf die Frage, ob sie denn denke, dass diese Trolle überhaupt Einfluss nähmen, sagte Savchuk: „Absolut. Die Aggressivität und der Hass schwappen in die reale Welt über.“

800px-Vladimir_Putin_&_Donald_Trump_at_APEC_Summit_in_Da_Nang,_Vietnam,_11_November_2017Vladimir Putin & Donald Trump at APEC Summit in Da Nang, Vietnam, 11 November 2017; Quelle: kremlin.ru

Europa als neues Ziel

Und zwar auch in die westliche Welt. Traurigerweise ist es nunmehr schon Alltag in Russland, dass Medien lügen, doch auch über die staatlichen Grenzen hinweg sind russische Trolle im Einsatz, um die Interessen des Kremls zu vertreten. Dies zeigt auch der Fall Lisa. 2016 soll das damals 13-jährige deutsch-russische Mädchen von Flüchtlingen in Berlin entführt und über Stunden hinweg missbraucht worden sein. Der russische Sender „Erster Kanal“ veröffentlichte als einer der ersten einen Beitrag der diese Details enthielt. Ebenjener Beitrag verbreitete sich wie ein Lauffeuer in Deutschland. Katalysator hierbei wieder: die Sozialen Medien und die lenkenden russischen Social-Media-Trolle. In Folge dessen kam es unter anderem zu Demonstrationen, bei denen ein Ende von Merkels Kanzlerschaft gefordert wurde. Wie sich später herausstellte entsprachen die Meldungen ebenfalls nicht der Wahrheit. Zwar gab es die 13-jährige Lisa, und sie verschwand auch zwischenzeitlich, jedoch kam es nie zu einer Entführung, geschweige denn einer Vergewaltigung durch Flüchtlinge. Das Ziel der Medienkampagne und der Arbeit der russischen Trolle war klar: Hass auf, und Angst vor Asylsuchenden in Deutschland schüren, die politische Stimmung beeinflussen und so die Gesellschaft spalten. Wie vermehrt berichtet wurde, sei Putins Manipulationsmaschinerie mittlerweile sogar aktiv an Wahlprozessen beteiligt.  Unter anderem in Europa gewinnt Putin immer mehr Rechtspopulisten, wie den Front-National, die UKIP, oder auch die AfD als Verbündete und unterstütze diese finanziell und mit seinen Social-Media-Trollen. Das Brexit- und das Katalonien-Referendum, ein Verfassungsreferendum in Italien, welches u.a. über eine Neuordnung des Parlaments entscheiden sollte, oder auch die Bundestagswahl in Deutschland seien bereits Opfer russischer Manipulation gewesen. Der bekannteste Fall allerdings dürfte wohl der US-Wahlkampf 2016 sein, der Meldungen zufolge durch russische Trolle und Bots zu Donald Trumps Gunsten manipuliert wurde. Aktuelle von Twitter kommunizierte Zahlen zeigen, dass gut 3800 Konten in Verbindung mit Russland gebracht werden konnten, und von denen während des Wahlkampfes knapp 15.000 Tweets mit Bezug zu ebendiesem verbreitet wurden.

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Social-Media-Trolle als reelle Gefahr

Als Folge der Untersuchung einer möglichen Verbindung von Trumps Wahlkampfteam zu russischen Stellen durch den 2017 eingesetzten Sonderermittler Robert Muller, erhob die US-Justiz nun Anklage wegen gegen russische Staatsbürger und Organisationen wegen der Einmischung in den US-Wahlkampf. Unter anderem der Konspiration, des Betrugs und schweren Identitätsdiebstahls beschuldigt sind ein enger Vertrauter Putins, Yevgeniy Viktorovich Prigozhin, seine Firmen Concord Management and Consulting LLC und Concord Catering, mittels derer er die russischen Trolle mitfinanziert haben soll und Putins staatliche Troll-Fabrik, die Internet Research Agency, selbst. Inwieweit diese Klage Erfolg haben wird, und welche Konsequenzen daraus gezogen werden, bleibt abzuwarten, sie zeigt aber definitiv, dass manche Social-Media-Trolle mehr sind, als nur provokative, aber meist harmlose, User in Chatforen oder den Sozialen Medien, einige vertreten nämlich aktiv die politischen Interessen autoritärer Führer. Und wenn ein solcher nun in der Lage ist, mit einfachsten Mitteln, wie dem Führen von Blogs, oder dem Kommentieren von Posts das nationale und internationale Meinungsklima zu seinem Vorteil zu manipulieren, die Regierungsfindung von Staaten zu beeinflussen, Gesellschaften zu spalten und zu destabilisieren, zeigt das doch deutlich, welchen großen Einfluss Online-Trolle auf unser Leben nehmen können.

 

Georg Höfer

Student der Kommunikationswissenschaft, Otto-Friedrich-Universität Bamberg

Die Rechte der Öffentlich-Rechtlichen

„Wir sind eins“, behauptet die ARD in ihrem zwischen den Sendungen laufenden Spot. Betrachtet man die Diskussionen, die im Bezug auf die öffentlich-rechtlichen Sender in den letzten Monaten stattfinden, scheint es allerdings kein wir zu geben, das eins ist. Filmschaffende beklagen die schwächelnde Finanzierung, die Privatsender sprechen von Wettbewerbsverzerrung und beim BDZV ist sogar von „Staatsmedien“ die Rede.

Die Forderungen reichen von Einsparungen bis hin zur Abschaffung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Was spricht dafür und wofür könnte er in Zeiten von Online-Zeitungen, Netflix und YouTube doch noch nützlich sein?

 

Was spricht dafür, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk einzustellen?

Sehr stark im Fokus standen natürlich die Forderungen der AfD, die eine Neutralitätsprüfung beantragt hat, das Unwort „Lügenpresse“ geprägt hat und von einer Zwangsfinanzierung spricht, die auch Leute leisten müssen, die die öffentlich-rechtlichen Inhalte nicht konsumieren.

Auch wenn einen beim Betrachten der Positionen der AfD kurz der Schock darüber ereilen kann, was die Bürger noch alles zwangsfinanzieren müssen, muss man Herrn Meuthen an dieser Stelle recht geben. Es wird niemandem die Wahl darüber gelassen, ob er für die öffentlichen Sender bezahlen möchte oder nicht. Auch ob die Höhe der Gebühren im Hinblick auf die Inhalte gerechtfertigt sind und ob ein Intendant tatsächlich circa 300.000€ pro Jahr zum Leben braucht, kann infrage gestellt werden.

Des Weiteren sind die Rundfunkräte fragwürdig besetzt. So sind z.B. in Bayern zwar die Kirchen, Gewerkschaften und auch Bildungsbeauftragte vertreten, andere Weltanschauungsgemeinschaften und wissenschaftliche Organisationen fehlen aber. Zudem ist die Politik überdurchschnittlich vertreten, was dem Gebot der Staatsferne nicht gerecht wird. Keine fünf Mitglieder sind unter 50 Jahre alt.

Von Seiten der Zeitungen wird von einer Wettbewerbsverzerrung gesprochen, die privaten Sender behaupten, eine Konvergenz, also eine Angleichung zwischen ihren und den Inhalten der öffentlich-rechtlichen zu erkennen. Zumindest ersteres ist korrekt. Auch wird, wie Jörg Meuthen schon mehr oder weniger behauptet hat, kaum jemand von RTL zu phoenix umschalten, nur weil er dafür bezahlen muss.

Zu guter Letzt ist ein Punkt zu nennen, in dem sich alle Kritiker einig sind: Die Inhalte der öffentlich-rechtlichen lassen an Qualität stark nach. In Sachen Information sind sie zwar ungeschlagen, Bildung lässt sich allerdings kaum finden. Unendlich oft scheint derselbe Krimi zu laufen, die „heute-show“ ist zwar prominent besetzt, aber extrem platt. Kultur ist erst nach 22 Uhr zu finden, man produziert Sendungen wie „Bares für Rares“, überträgt sündhaft teure Sportveranstaltungen und lässt Markus Lanz drei Tage am Stück seine unbeliebte Sendung moderieren.

 

Warum und wie sollte man das duale Rundfunksystem also noch beibehalten?

Zunächst kann gesagt werden, dass keine anderen Sender so umfassend und neutral berichten wie ARD und ZDF. Dazu gehören auch unbequeme Fragen an die AfD, genauso aber an andere Parteien und Personen. Von einer Konvergenz kann nicht die Rede sein. Die RTL II-News sind nicht mit der Tagesschau vergleichbar und würden sie im Falle der Abschaffung der öffentlich-rechtlichen Sender auch nicht ersetzen. Die USA zeigt dies mit ihrem System, in dem verschiedene Sender verschiedenen Gruppen nur das zeigen, was sie eben sehen wollen, ganz deutlich. Die privaten Sender sind auf Sensation und Werbetauglichkeit angewiesen und damit schlicht nicht an qualitativer Berichterstattung interessiert.

Auch im Internet dürfen die Öffentlich-Rechtlichen einen Grundsatz an Information anbieten. Wandern Spiegel Online-Leser zur „heute“-App ab, liegt das daran, dass der Rezipient letztere einfach besser findet und nicht daran, dass sie einen finanziellen Vorteil hat. Ein duales System im Internet lässt sich genauso rechtfertigen, wie ein duales Rundfunksystem.

Viele Kritikpunkte sind allerdings gerechtfertigt und müssen eingearbeitet werden, um das duale Rundfunksystem weiterhin rechtfertigen zu können.

Ein relativ simpler Punkt ist die Zusammensetzung der Rundfunkräte. Die Überzahl an Politikern in den Rundfunkräten sorgt für Misstrauen. Welche Gruppen genau fehlen, müsste nicht diskutiert werden, wenn die Bürger wählen dürften, wer in den Rundfunkräten sitzt. Sie sind es immerhin, die das Ganze bezahlen, was zum nächsten Punkt führt.

Dass ein arbeitsloser Single, der nur die ZDF-App nutzt, den gleichen Betrag zahlen muss wie ein Haushalt mit sechs Fernsehern, drei Radios und fünf Bewohnern am Spitzensteuersatz, kann niemand rechtfertigen. Ein nach Einkommen und Geräten differenzierter Rundfunkbeitrag dürfte zur Schlichtung beitragen. Auch ist fraglich, ob das Geld für die Rechte an der Übertragung sämtlicher Sportveranstaltungen, extrem hohe Intendantengehalte und die Produktion von „Bares für Rares“ oder den nächsten „Frankentatort“ ausgegeben werden muss.

Eine Schwerpunktsetzung, bei der Information und Bildung im Vordergrund stehen, würde es erleichtern, die öffentlich-rechtlichen Sender ernst zu nehmen, wenn sie von ihrer Unverzichtbarkeit sprechen.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass eine finanzielle Bevorzugung der Öffentlich-Rechtlichen durchaus berechtigt ist, solange auch ein Mehrwert gegeben ist. Das Maß an finanzieller Bevorzugung, die Umsetzung und die Verwendung der finanziellen Mittel müssen aber überdacht werden. Die Zusammensetzung der Rundfunkräte muss ebenfalls angepasst werden. Das duale Rundfunksystem muss also, um weiterhin bestehen zu können, grundlegend überarbeitet werden. Eine Abschaffung würde aber, gerade in Zeiten von Fake News und Verschwörungstheorien, wesentlich mehr Schaden als Nutzen mit sich bringen.

 

Bastian Rosenzweig

Kommunikationswissenschaft, Philosophie

Otto-Friedrich-Universität Bamberg

Warum liken, teilen und kaufen wir?

Kurz gesagt: Wir sind süchtig. Studien haben heraus gefunden, dass es unter bestimmtem Einfluss sogar schwieriger ist dem Verfassen eines Tweets zu widerstehen, als Zigaretten und Alkohol. Dieser Einfluss nennt sich Dopamin und Oxytocin. Dopamin steigert unser Wünschen und Wollen. Durch Dopamin begehren wir. Und es wird bei jedem noch so kleinen Anflug von Belohnung ausgeschüttet. Also genau das, was Social Media ausmacht.
Oxytocin wird oft als „Kuschel-Stoff“ oder „Vertrauenshormon“ bezeichnet, weil er ausgeschüttet wird, wenn man sich umarmt oder küsst. Oder eben beim Twittern. Innerhalb von 10 Minuten kann in einem sozialen Netzwerk die ausgeschüttete Menge von Oxytocin um 13% gesteigert werden. Das ist vergleichbar mit dem hormonellen Anstieg einer Person am Hochzeitstag. Es ist also verständlich, wieso man schwierig nicht mehr davon möchte.

Aber warum spüren manche Menschen für ihre Lieblingsmarke eine ähnliche emotionale Verbindung, wie zu ihrer Familie oder ihrem Partner? Das haben wissenschaftliche Studien herausgefunden und dieser Aspekt ist für Unternehmen besonders interessant. Unternehmen versuchen ihre Produkte in den Alltag des Konsumenten zu setzen, um sie ihm näher zu bringen. Denn wenn eine Person überall in ihrem Umfeld z.B. eine bestimmte Uhrenmarke sieht und sich irgendwann dazu entschließt eine Uhr anzuschaffen, denkt man als erstes genau an diese Marke. Ein kleiner psychologischer Trick seitens der Unternehmer.

Was die Blogger und Influencer tun, um Produkte gut zu vermarkten, das verrät uns Désirée Gehringer. Die Bloggerin und Influencerin hat bei Facebook über 20.000 Likes und auf ihren zwei Instagram Accounts insgesamt mehr als 28.000 Likes. Täglich versorgt sie ihre Community mit aktuellen Storys über ihr Leben, postet Bilder mit Produkten von kooperierenden Firmen und hat es geschafft, sich damit selbstständig zu machen. In einem Interview mit ihr, erzählt Dési über ihr Leben und die Vermarktung von Produkten und sich selbst. Das Wichtigste ihrer Meinung nach, um eine Fangemeinde aufzubauen und auch zu halten, ist Authentizität und Vertrauen. Man muss merken, dass die Person hinter dem Account echt ist und nichts vorspielt. Hier kommt wieder das Vertrauenshormon Oxytocin ins Spiel. Denn man würde im realen Leben auch nichts von jemandem kaufen, dem man nicht vertraut. Laut einer Studie, „glauben 76% der Verbraucher, dass Inhalte, die von Leuten wie dir und mir geteilt werden, glaubhafter sind, als Anzeigen von Marken.“

Désirée und eine Studie „Einfluss von Farbe im Marketing“ sind sich ebenfalls einig, dass Farbe ein wichtiger Bestandteil bei Social Media ist. Denn binnen 90 Sekunden entscheiden Menschen, ob sie erstmalig mit anderen Menschen und Produkten interagieren. 62 bis 90% dieser Entscheidung werden allein aufgrund von Farbe getroffen. Betrachtet man sich Désirées Instagram Account, fällt sofort auf, dass alles sehr einheitlich gestaltet ist.

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[ Werbung | PR Sample ] Es gibt doch echt nichts schöneres, als von einem Albtraum geweckt zu werden #nicht. Die letzten zwei Nächte träume ich wieder nur von Flugzeugabstürzen und Menschen, die mich killen wollen. Was will mein Unterbewusstsein mir mitteilen? Bring dich um? 😂 Ich werde mich jetzt ganz gemütlich ins Bad begeben, nachdem auch mein Frühstück ein absoluter #fail war 🙄 Tee war schon bitter, weil das Foto zu lange gedauert hat und Müsli war aufgeweicht #bloggerlife. Heute fahren Lionel und ich nach Bonn und besuchen meine Freundin @alina.kreuter ❤️ endlich mal wieder ein bisschen cruisen. Wäre jetzt auch noch Sommer, wäre es perfekt! (Trotz meiner Mordträume 😂). Ich hoffe ihr konntet besser schlafen!! Die tolle Handyhülle ist übrigens von @idealofsweden! Aktuell gibt es dort einen Neujahrsrabatt von 30%! Falls ihr später dran sein solltet, bekommt ihr mit dem Code „IDEALSNOW“ 20% Preisnachlass! Ich finde die Hüllen nicht nur wunderschön sondern auch qualitativ super hochwertig. Innen ist eine Filzbeschichtung die vor Kratzern schützt 😬🎉 absolute Empfehlung! Jetzt aber ciao Kakao, mein Bad ruft 😂 #Sponsored #idealofsweden #cases #mobilecases #blogger #bloggerlife #blogger_de #bloggerin #germanblogger #frankfurt #darmstadt #son #mom #momlife #ootd #love #girl #woman #mommy #mum #instalove #instamom #flatlay #macarons #pillow #rosa #pink #tea

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Also ich weiß ja nicht wie es euch geht, aber ich lass mich dieses Jahr wegen Weihnachten so garnicht aus der Ruhe bringen 😂 weil ich heute noch das Dessert vorbereiten muss und morgen den Tag bei meinem Papa verbringe, habe ich schon gestern Abend in aller Ruhe eine Stunde den Tisch für den 25. dekoriert. Dieses Jahr ist meine Weihnachtsstimmung echt on top.Normalerweise bin ich die Schwester vom Grinch 😁 Ich denke es liegt daran, dass ich jetzt endlich eine neue Wohnung habe in der ich mich wohlfühle und austoben kann. Endlich Platz, um meine Ideen umzusetzen. Mein Wohnzimmer ist endlich wohnlich ❤️😍 Lionel wurde eben von seinen Freunden abgeholt und macht nun einen Ausflug zu Center Parcs. Perfekt für mich🤙 das heißt ich kann in Ruhe den Nachtisch vorbereiten und meinen letzten Kundenauftrag aus diesem Jahr fertigstellen 🎉😬 dann schmeiß ich für dieses Jahr auch mal die Füße hoch und versuche abzuschalten. Das Jahr hat nicht mehr viele Tage. Jetzt haben wir alle die Zeit, das Jahr 2017 Revue passieren zu lassen und uns Gedanken darüber zu machen, was für sinnlose Vorsätze wir für 2018 haben, die wir eh nicht umsetzen werden 😂😂 feiert ihr im kleinen oder eher im großen Kreis Weihnachten? 😊 #Christmas #tischdeko #tischgedeck #christmastree #blogger #bloggerlife #blogger_de #bloggerin #germanblogger #frankfurt #darmstadt #son #mom #momlife #ootd #love #girl #woman #mommy #mum #instalove #instamom

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Auch auf ihrem Fotografen Account setzt sich ein bestimmter Stil durch.

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Meine Muse 💕 @alina.kreuter 💥

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@michelle.rosillo 💕

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Auch andere kleine psychologische Tricks hat Désirée auf Lager. Sie ist ein großer Emoji-Fan und das kommt gut. Die Studie „Emoticons und Phrasen: Statussymbole für Social Media“ bestätigt das. „Individuen, die Emoticons häufig (und dabei speziell positive Emoticons) verwenden, sind in der Regel beliebter und einflussreicher“.

Die Fachhochschule Nordwestschweiz, Hochschule für Angewandte Psychologie hat in einem Video mal interessante Zahlen und Forschungsprojekte zusammen gefasst:

 

Auch wenn es einige Vorteile für Unternehmen und Konsumenten durch Social Media gibt, sollte man sich als Konsument trotzdem bewusst sein, dass es einige Vermarktungstricks gibt, die uns alle beeinflussen. Es ist also wichtig, mit offenen Augen durchs Web zu scrollen und vor kurfristigen Einkäufen zu überlegen, weshalb man das jetzt genau kauft und wie man beeinflusst werden könnte.

 

Stefanie Fickert
Otto-Friedrich Universität Bamberg
Kommunikationswissenschaft

„Realfakes“ – Wenn die Internet – Liebe sich als Albtraum entpuppt

„Jung, gebildet, gutaussehend und vertritt die gleichen Interessen“

Hört sich zunächst mal gut an oder? 

Leider ist nicht jeder auch so aufrichtig mit seinem Profil auf Tinder, Facebook, Twitter & Co, sondern versteckt sich hinter ausgedachten Informationen. Und damit werden immer mehr Menschen zu sogenannten „Realfakes“.

Aber was sind das eigentlich?

Realfakes nennt man die Personen, die sich online eine oder mehrere falsche Identitäten aufbauen und unter Vorspielen falscher Tatsachen mit anderen kommunizieren, flirten und im schlimmsten Fall sogar eine Beziehung aufbauen und Gefühle bei ihrem Gegenüber entwickeln.

Die US-amerikanische Reality Show Catfish thematisiert genau diese Form von Fake – Profilen beim Online – Dating. Die Sendung ist nach der gleichnamigen Bezeichnung für eine Person benannt, die vorgibt im Internet jemand anderes zu sein – ein Catfish. Moderiert wird die Reality Show von Nev Schulman und Max Joseph. Die beiden Moderatoren besuchen Personen, die sich schon einmal in einen „Catfish“ verliebt haben oder sogar schon eine Beziehung führen – diesen aber niemals persönlich getroffen haben. Schulman und Joseph werden von den betroffenen Personen um Hilfe gebeten, um herauszufinden, wer sich eigentlich hinter ihrer/ihrem Realfake versteckt und wie viele Informationen der Wahrheit entsprechen. Abschließend versucht das Moderatoren – Team ein Treffen zwischen der Person und dem „Catfish“ zu arrangieren.

 

 

Was sich zunächst sehr surreal anhört, entspricht aber leider der Wahrheit.

Denn genau das musste ZDF- Moderatorin Dunja Hayali am eigenen Leibe erfahren. Die eigentlich Social – Media Erfahrene Moderatorin fiel auf den Krankenpfleger „Thomas“ rein. Höflich, zuvorkommend, interessiert.- Das waren Dunjas Eindrücke von Thomas. Doch was echt wirkte war am Ende alles nur fake. Hinter dem vermeintlich netten Krankenpfleger steckte in Wirklichkeit eine Frau, die sich sogar mehrere falsche Identitäten entwarf und damit online Kontakt zu fremden Personen knüpfte. Zunächst wusste Dunja nicht, ob es sich hinter diesem Fake um eine ausschließliche Fan-Action handelte oder wirkliches Stalking darstellte. Doch eins war klar: Den Fake zu entdecken und letztendlich aufzudecken ist schwierig und gelingt meist nur mit gezielter Recherche.

Die einzige Frage die immer im Hinterkopf bleibt ist dennoch:

Woher weiß ich ob mein Online – Date real oder fake ist?

Wirklich „wissen“ wird man das direkt nie, dennoch gibt es einige Tipps zur Prävention gegen Scheinidentitäten beim Online – Dating:

  1. Das wohl Wichtigste ist zugleich das Logistische: So viele private und detailreiche Informationen über die Person in Erfahrung zu bringen und diese – wenn möglich – zu überprüfen.
  1. Das Zweitwichtigste sei es demnach aufmerksam zu bleiben! Denn nur wer sich nicht in seinem Gegenüber verliert erkennt frühestmöglich den Fake.
  1. Dennoch sollte man sich auch immer an die eigene Nase fassen. Denn bevor man überhaupt von Realfakes gefunden wird, sollte man seine eigenen privaten Informationen kontrollieren.
  1. Und zu guter Letzt: Sollte dir dein Gegenüber komisch vorkommen heißt es: Recherchieren. Finde so viele Sachen wie möglich über die Person heraus und setze deinen gesunden Menschenverstand ein!

Aufgrund des vermehrten Aufkommens von Realfakes im Internet, insbesondere beim Online – Dating, gibt es mittlerweile eine eigene Seite, in der alles rund ums Thema Scheinidentitäten besprochen wird. Die Internetseite realfakes.net bietet Betroffenen in Selbsthilfegruppen über ihre Erfahrungen zu sprechen und sich Hilfe zu suchen. Außerdem werden dort die unterschiedlichen Realfake – Typen dargestellt und weitere Tipps zum vorsichtigen Umgang beim Online-Dating erklärt.

Trotz jeglicher Prävention und Kontrolle verfügt das Internet mittlerweile über etliche Scheinidentitäten und Fakes. Fest steht allerdings, dass wir unseren Spaß am Internet, insbesondere am Online-Dating nicht verlieren sollten, sondern lediglich achtsam regulieren. Denn eins sollte uns immer vor Augen halten: Nicht hinter jeder netten Bekanntschaft steckt ein völlig anderes Gesicht!

Jana Wosnitza

Kommunikationswissenschaft

Otto  – Friedrich – Universität Bamberg

 

Digital Detox – Weniger Smartphone, mehr Leben

Wir können es einfach nicht lassen. Das Ding brummt und wir springen. Egal wo, egal wann. Besprechung mit dem Chef? Ach, unter dem Tisch sieht er das eh nicht. Am Steuer? Oh, eine neue Nachricht von … RUMMS. Schade, die Laterne hat das Navi gar nicht angesagt.

Immer mehr Menschen verbringen immer mehr Zeit in sozialen Netzwerken. Im Bus, in der Vorlesung, auf der Arbeit – das Smartphone ist überall dabei. Die Handhabung erfolgt bereits wie automatisiert.

Grafik Stunden
Quelle: Eigene Darstellung

Kritische Stimmen werfen die Frage auf, was das ständige Online-Sein mit uns macht. Eine Studie von Microsoft sorgte im Jahr 2015 für einiges an Furore. Laut der Forscher ist die Aufmerksamkeitsspanne der Menschen von 12 auf 8 Sekunden gesunken. Damit liegen wir hinter dem Goldfisch (!) mit immerhin 9 Sekunden. Die gute Nachricht: Da wir uns täglich durch eine Flut an Informationen wühlen, können wir relevante Inhalte schneller erkennen.

Droht uns der digitale Burnout?

Ulrike Stöckle, Digital Detox Expertin, sieht die Entwicklung kritisch. Aus ihrer Sicht können ständige Erreichbarkeit und Ablenkung zu einer psychischen Belastung werden. Ein sogenannter „digitaler Burnout“ kann die Folge sein. „Wenn ich permanent gestört werde, komme ich gar nicht mehr dazu, konzentriert zu arbeiten“, erklärt sie und fügt hinzu: „Das Schlimme daran ist, wenn man mal nicht gestört wird, dann stört man sich selbst indem man das Handy rausholt.“ Ein Teufelskreis entsteht.

Warum müssen wir IMMER online sein?

Gewohnheit ist nur einer der Gründe für den häufigen Griff zum Smartphone. Wir haben aber auch Angst, etwas zu verpassen. „Der Mensch ist neugierig“, erklärt Stöckle. Hinzu kommt der Wunsch nach Bestätigung. Bleiben Nachrichten oder Likes aus, fragen wir uns: Was ist da los? Soziale Netzwerke spielen eine nicht zu unterschätzende Rolle, meint Stöckle. Den besonderen Anreiz sieht sie in der Gemeinschaft, der Bestätigung und der Möglichkeit, eine andere Identität anzunehmen. Likes auf Instagram oder Facebook lösen ähnliche Glücksgefühle aus wie die Befriedigung stofflicher Süchte.

Tipps für konzentriertes Arbeiten

Um der Onlinesucht zu entkommen setzt die Digital Detox Expertin auf sogenannte Tracking Apps, die das Nutzungsverhalten dokumentieren. Diese zeigen auf einen Blick die tägliche Online-Zeit und wie oft das Gerät entsperrt wurde. Wem das nicht genügt, der kann sich Regeln einstellen. Dadurch könne sich jeder einzelne sein Verhalten bewusstmachen, erklärt Stöckle. Zusätzlich empfiehlt sie, ab und zu komplett offline zu gehen. Solche Phasen werden als „Digital Detox” bezeichnet.

In ihrer Agentur setzt sie dieses Konzept bereits um. „Wir haben beispielsweise stille Zeiten“, erklärt die Inhaberin. „Die Kunden wissen, dass ich dann nicht erreichbar bin. Die Kommunikation ist wichtig, wenn solche Maßnahmen gelingen sollen.“ Bei den Kunden stößt das Modell auf Akzeptanz. „Es ist einfach nur eine Frage der Disziplin und der Regelaufstellung“, sagt Stöckle.

Challenge accepted!

Sich selbst den kontrollierten Umgang mit dem Smartphone beibringen und es auch einmal ganz ausschalten? Geht das so einfach? Motiviert durch meine Recherchen und die Tipps der Expertin wage ich den Selbsttest. Zuerst lade ich mir die Tracking App „Quality Time“ herunter. Ich bin skeptisch: Eine App, die mir helfen soll weniger Zeit mit Apps zu verbringen?

 

Quelle:  Screenshots

Die Anwendung zeigt mir, wie oft ich mein Gerät entsperre, wie lange ich täglich/wöchentlich aktiv bin und wo. Schon nach dem ersten Tag bin ich geschockt von dem Ergebnis. Ich habe insgesamt ca. 1,5 Stunden am Smartphone verbracht. Schwarz auf weiß zu sehen, wie viel Zeit ich im Netz verschwende, hinterlässt Eindruck. In den Tagen darauf, lasse ich mein Smartphone öfter bewusst in der Tasche. Schon an der Bushaltestelle juckt es mich in den Fingern. Die zwei Minuten Wartezeit kommen mir endlos lange vor. Nach einer Weile legt sich dieses Gefühl glücklicherweise. Ich stelle fest, dass ich mich besser auf das Geschehen um mich herum konzentrieren kann.

Ich bin dann mal offline

Angespornt von der positiven Erfahrung, will ich noch einen Schritt weitergehen. Ein ganzer Tag offline. Klingt erst einmal relativ simpel. Als ich überlege, wann ich meinen Detox Day einlegen könnte, wird es aber schon schwieriger. Schließlich entscheide ich mich für einen Sonntag. Etwas wehmütig lege ich mein Smartphone am Vorabend in eine Schublade. Am nächsten Morgen starte ich entspannt in den Tag und widme mich den Aktivitäten, die ich mir vorgenommen habe. Mit Erstaunen stelle ich fest, dass ich tatsächlich produktiver bin. Außerdem spart es Zeit, nicht erst Facebook, Twitter & Co. zu checken. Am Wochenende ist so ein Offline-Tag durchaus machbar. Im Alltag stelle ich mir das schwieriger vor. Freizeitplanung, Gruppenarbeiten, Dozenten E-Mails – es wird erwartet, dass ich erreichbar bin.

Wer ein ultimatives Offline-Erlebnis sucht, der kann an einem sogenannten Digital Detox Camp teilnehmen. Ein sehr … interessantes Bespiel aus den USA gibt es hier zu sehen:

Was erst einmal wie ein großer Kindergeburtstag aussieht, hat einen wahren Kern. Menschen, die sonst zehn Stunden täglich am Bildschirm sitzen, genießen die Natur und die gemeinsame Erfahrung. Auch in Deutschland werden bereits solche digitalen Auszeiten angeboten.

Fazit

Abschließend kann ich sagen, dass ich meinen Digital Detox Day sehr genossen habe. Im Alltag möchte ich mein Smartphone und soziale Medien aber nicht missen. Wie ich im Interview mit der Expertin gelernt habe, muss ich auch nicht komplett darauf verzichten. Entscheidend ist – wie bei so vielen Dingen im Leben – das richtige Maß.

von: Katharina Steinhäuser
Kommunikationswissenschaft, Otto-Friedrich-Universität Bamberg