Privacy is Theft!

Stellen Sie sich vor es gäbe keine Anonymität mehr im Internet, keine Trolls, keine Hate-Kommentare. Dafür kann aber jeder sehen was Sie tun, immer, zu jeder Zeit, im „real life“. Stellen Sie sich vor eben genau diese Anonymität und Privatsphäre, die Ihnen genommen wird, sorgt dafür, dass es keine Entführungen von Kindern mehr gibt, keine Polizeigewalt, keine Kriminalität. Dafür kann jeder ihr Leben aus jedem Winkel, zu jeder Zeit, online verfolgen. Stellen Sie sich vor wir alle wären allwissend.
Das ist das Ziel von The Circle der imaginären Tech-Firma in Dave Eggers gleichnamigen Buch. Jeder soll Zugriff auf jegliche Information haben. Sei es was Politiker hinter verschlossenen Türen treiben oder was Ihre Eltern hinter verschlossener Tür treiben, und mal ganz ehrlich, das möchte niemand wissen! Jeder hat das Recht alles zu wissen, denn Privacy is Theft (dt.= Privatsphäre ist Diebstahl). In dem wir Dinge für uns behalten, stehlen wir Anderen das Recht auf Information, auf jegliche Information. Deswegen erfand The Circle das Programm SeeChange, winzige Kameras, die für das menschliche Auge nicht zu erkennen sind, die von Ottonormalbürgern in jedem Winkel der Welt versteckt werden um Informationen zu teilen, Kriminalität zu stoppen oder einfach mal den Ex-Partner zu stalken. Und wem das nicht schon genug ist, der kann sich eine Kette mit integrierter Kamera holen, die 24/7 – mit einigen wenigen Ausnahmen wie Toilettengänge, Schlaf, etc. –  alles aufnimmt, was man selbst erlebt. Klingt verrückt, aber die Menschen in Eggers Buch fahren total darauf ab. Sie können nämlich nicht nur sehen was die Person tut, sie können auch jegliche Vitalzeichen der Person nachvollziehen. Privatsphäre ist somit gleich null, aber Privatsphäre ist ja sowieso Diebstahl.
Wenn man sich Eggers Buch nun mal genau durchliest ist es ein dystopischer Roman aus Anreihungen schrecklicher, übertriebener Schattenseiten des Internets und Social Media, die unser Leben irgendwann übernehmen werden. Gepaart mit einer überaus naiven, rückradlosen Protagonistin – welche einem den Spaß am Lesen öfter mal erschwert – entstand so das 1984 unserer Generation. Um nun aber an all diese schrecklichen Dinge, die Facebook, Google und Co. mit uns betreiben werden, zu glauben, braucht man schon ein entschwindend niedriges Vertrauen in die Menschheit. Doch trotz der teilweise überzogenen Schattenseiten des Internets, gibt es natürlich durchaus parallelen zu unserem Leben jetzt. Wer sich ein bisschen mit der Materie YouTube auseinandersetzt, weiß, sehr weit entfernt von der Idee hinter SeeChange sind viele  YouTuber vielleicht nicht mehr. Es wird alles dokumentiert. Die Geburt des Kindes, die Krebsdiagnose und deren Heilung, und natürlich das Frühstücksbrot am Morgen. Zu sagen, Menschen, die aus freiem Willen entschieden haben ihr Leben in Stücken (!) mit der Welt zu teilen, würden der SeeChange-Idee ähneln ist vielleicht übertrieben. Jedoch kann man im Verhalten der Protagonistin Mae Holland durchaus Parallelen zu Vlogs einiger YouTuber finden.

  1. Verhaltensänderungen

YouTuber sind mehr oder weniger von ihren Zuschauern abhängig und versuchen deshalb natürlich das zu bieten, das am meisten Zuspruch bekommt und am wenigsten polarisiert. So schneiden die Vlogger TheDailyWolfs aus ihrem Vlog, der am Tag der Bundestagswahl gefilmt wurde, einen negativen Kommentar über die afd aus ihrem Video, da die Zuschauer damit nicht übereinstimmten.

DailyWolfs
Die Pionier-Vlogger, die mormonische Familie Butler (auch Shaytards genannt) aus Idaho, haben das Internet nach acht Jahren vloggen erstmal für fast ein Jahr verlassen, nachdem anzügliche Private Tweets zwischen dem Vater und einem Webcamgirl publik wurden. Und das obwohl das Motto der Familie ist „If life’s worth living, it’s worth recording“ (zu deutsch: wenn es sich zu leben lohnt, lohnt es sich auch dieses aufzunehmen).

Ein verändertes Verhalten kann auch bei der Protagonistin Mae in The Circle festgestellt werden. Diese isst weniger ungesundes, treibt mehr Sport und versucht ohnehin einfach ihren Zuschauern zu gefallen.

  1. Nichts bleibt privat!

Im Buch entscheidet sich Mae alles zu teilen, jedes Geheimnis, jede Peinlichkeit. Denn, Privacy is theft! Auch im wahren Leben, haben sich bereits viele dazu entschieden ihr Leben bis ins kleinste Detail mit der Welt zu teilen.


Wie bereits oben erwähnt, gehört die „Shaytards“-Familie zu den Pionieren in Sachen vloggen. Da darf natürlich nichts ungezeigt bleiben. Auch nicht die Geburt des vierten Kindes, welches der Vater stolz als den echten Truman vorstellt. Ein Mensch, dessen Leben von Sekunde eins an dauerhaft gefilmt wurde.


Doch bei der Geburt endet es nicht. Der amerikanische YouTuber Charles Trippy, war wohl einer der ersten Vlogger der auf der Plattform seinen Kampf gegen den Krebs dokumentierte. Von der Diagnose bis hin zur Gehirn-OP, die Zuschauer können ihm auf jedem seiner Schritte begleiten!

Doch ist das nun schlecht? Ist es nicht irgendwie normal die Geburt seines Kindes, in welchem Rahmen auch immer, mit Menschen teilen zu wollen? Und ist es nicht schön, dass ein Krebspatient Halt bei seinen Zuschauern findet und Menschen mit ähnlichem Schicksal ein wenig die Angst nimmt? Natürlich fragt man sich „wo endet das Ganze?“. Irgendwo. Irgendwo hat alles seine Grenzen.

Solange wir selbst bestimmen können wieviel wir online teilen wollen, sollten wir keine Angst vor einem realen SeeChange haben. Denn warum Menschen vloggen und allgemein so fasziniert von Social Media sind, ist nicht unbedingt auf den Wunsch nach weniger Privatsphäre zu begründen. In seinem Buch bringt es Dave Eggers auf den Punkt:

Die meisten Leute würden alles, das sie kennen, jeden, den sie kennen, dafür tauschen, nur für die Gewissheit, dass sie gesehen werden, anerkannt werden, dass vielleicht sogar an sie erinnert wird. Wir alle wissen, dass die Welt zu groß ist, als dass wir bedeutsam wären. Also haben wir nur die Hoffnung gesehen oder  gehört zu werden, wenn auch nur für einen Moment.“ (The Circle, Übersetzung: K.H.)

Karin Hornung – Kommunikationswissenschaft & Anglistik, Otto-Friedrich Universität Bamberg

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