Was interessiert mich eure Realität? – Eskapismus als politisches Problem

Eskapismus – Das ist das, wovor uns unsere Eltern jahrelang beschützt haben, indem sie uns sagten, wir sollten doch lieber mal die Nachrichten schauen, statt uns dieser virtuellen, nicht realen Welt im Smartphone hinzugeben. Beziehungsweise das, wovor unsere Eltern von ihren Eltern beschützt wurden, indem man ihnen riet, ein Buch zu lesen, statt immer nur fernzusehen. Oder eben das, wovor deren Eltern beschützt wurden, indem man sie zum Spielen rausschickte, weil man verhindern wollte, dass sie mithilfe von Romanen der wirklichen Welt entfliehen.

Der Eskapismus, die Flucht vor der Realität mithilfe der Medien, wurde also schon immer gefürchtet. Belächelt aber auch. Denn natürlich gibt es Menschen, die sich völlig in der Kunst, der Computerspielsucht oder den sozialen Netzwerken verlieren. In Maßen ist die Befriedigung solch affektiver Bedürfnisse aber kein Problem, muss sogar sein, um sozial erzeugte Spannungen abzubauen, Abwechslung zum Alltag zu finden oder sich einfach unterhalten zu lassen. Schlimm wird es erst, wenn der Medienkonsum auf ein Level ansteigt, das zu Kontakt- und Kontrollverlust, Prokrastination oder mangelndem Urteilsvermögen führt. Aber selbst der Dichtkunst wurde bereits vorgeworfen, dahingehend ein Risiko darzustellen. Eine kollektive Flucht vor der Wirklichkeit hat es bisher nicht gegeben. Warum sollte das bei den sozialen Medien anders sein?

 

 

Die scheinbar unendliche Masse an Informationen, die darauf warten, kurz über den Bildschirm gescrollt zu werden, hat möglicherweise ein höheres Ablenkungspotenzial als ein Buch oder das lineare Fernsehen. Wer einmal angefangen hat, sich von einem YouTube-Video über die Vorschläge zum nächsten zu klicken, kann damit theoretisch unbegrenzt fortfahren, ohne von „der Realität“ unterbrochen zu werden. Binge-Watching ist – wenn nicht gar zur Tugend – zumindest zum unbedenklichen Hobby geworden.

 

 

Aber das ist nicht der Punkt. Neben der Masse gibt es einen weiteren Aspekt, den die sozialen Netzwerke alleine besitzen: Die Möglichkeit, die Scheinrealität, in die man sich flüchtet, mitzugestalten. Während man sich in Romanen und Serien nur mit dem Helden identifizieren oder Unzulänglichkeiten auf „die Bösen“ projizieren kann, erschafft man in sozialen Netzwerken eine eigene Realität.

Während Binge-Watching zwar bedenklich, die Verwendung von Synonymen juristisch schwierig oder Tweets von angeblichen Müttern über angebliche Aktionen ihrer Kinder (die ausnahmslos K1, K2 und K3 heißen) unter Umständen nervig sind, kann der Eskapismus auch wesentlich bedenklichere Formen annehmen. Der Netflix-Süchtige schadet in erster Linie sich selbst. Er entflieht dem Alltag, den grauenvollen Nachrichten oder seinen persönlichen Problemen. Das ist nicht harmlos, für ihn selbst sogar schädlich, für die Gesellschaft ist er aber im schlimmsten Falle nutzlos.

Flieht man allerdings nicht vor der Nachrichten-, sondern vor der politischen Realität und endet die Flucht nicht bei Netflix, sondern bei gab.ai oder anderen Netzwerken auf denen Propaganda und Agitation betrieben werden, ist das für die Allgemeinheit durchaus von Belang. Die alternativen Fakten in der Filterblase werden zur alternativen Realität. Die neuen Medien bergen diesbezüglich ein riesiges Potenzial: Verschwörungstheoretiker, politische oder religiöse Extremisten bestätigen sich gegenseitig in ihren Weltsichten, organisieren sich und können in kürzester Zeit ihre Fake News verbreiten.

 

 

Das Löschen von Posts, Tweets etc. ist entweder nicht erlaubt oder bestärkt genannte Personen nur in ihren Ansichten. Das einzige, was helfen könnte, die Entwicklung einer virtuellen Parallelgesellschaft zu verhindern, ist wohl oder übel die Gegenrede. Es gilt zu zeigen, dass die Realität nicht beliebig gestaltet werden kann, dass Fake News eben solche sind und ihre Verbreiter Unrecht haben und nicht die einzigen mit einer Meinung sind. Zumindest auf Netzwerken, die sich nicht nur an bestimmte Minderheiten richten…

 

 

…ist es möglich, einen Beitrag gegen den politisch gefährlichen Eskapismus zu leisten. Auch wenn es definitiv legitim und notwendig ist, der Realität gelegentlich zu entfliehen, ist es wohl hilfreich, immer wieder zurückzukehren und sich nicht, wie in der Vergangenheit einige Politiker, rauszuhalten oder gar in gleicher Manier wie die „Realitätsverweigerer“ abzuschotten.

 

 

Bastian Rosenzweig
Kommunikationswissenschaft, Soziologie, Philosophie
Otto-Friedrich-Universität Bamberg

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