Verschwörungstheorien – das unlösbare Problem mit alternativen Fakten

Der wöchentliche Großeinkauf ist fast geschafft, was jetzt noch im Einkaufswagen fehlt, sind Eier. Sie stehen nun also vor dem Regal, wägen die aus Bodenhaltung gegen die aus Freilandhaltung ab – doch in die Kaufentscheidung fliesen seit vergangenem Sommer noch andere Bedenken mit ein: Da war doch dieser Fipronil-Skandal? Ist der schon ausgestanden? Kann man wieder bedenkenlos Eier in Discountern und Supermärkten kaufen? Komisch war der Vorfall ja schon, verweigerten doch sowohl Deutschland als auch die Niederlande zuletzt die Herausgabe der Zahlen über die mit Fipronil belasteten Eier. Steckt da vielleicht mehr dahinter? Was, wenn wir absichtlich vergiftet werden sollten, um eine Überbevölkerung zu verhindern? Das glauben Sie nicht? Es könnte aber doch wahr sein … wenn Sie an Verschwörungstheorien glauben wollen. 

Die Medien widmen diesem Thema seit einiger Zeit immer mehr Aufmerksamkeit. Spätestens mit der Diskussion um die Reichsbürger erfuhren viele Verschwörungstheorien neuen Aufschwung. Sucht man im Internet nach den gängigsten, stößt man auf eine Menge alternativer Fakten und Theorien, wie beispielsweise die Vergiftung durch Chemtrails, bei der behauptet wird, dass die weißen Kondensstreifen hinter Flugzeugen nichts anderes sind als Gift, mit dem die Bevölkerung dezimiert werden soll. Aber auch Strichcodes sollen schädliche Einflüsse auf uns Menschen haben und müssen somit direkt nach dem Einkauf entwertet werden. Und wenn wir schon dabei sind: Ist die Erde wirklich rund, oder nun doch nur eine Scheibe? Waren die Amerikaner tatsächlich auf dem Mond oder nur in einem Filmstudio in Los Angeles? Und wer steckt denn nun eigentlich tatsächlich hinter den Attentaten auf John F. Kennedy und das World-Trade-Center?

Grundlage für solche Theorien ist das Misstrauen einer gesellschaftlichen Gruppe gegen eine andere Gruppe und die Unterstellung, dass die eine Gruppe der anderen schaden möchte. Dämonisiert werden wohl am häufigsten die Wissenschaft und die Regierung. Mit der Verbreitung der Neuen Medien erleben Verschwörungstheorien zudem wieder Aufschwung, kann doch auf Internetseiten oder über soziale Netzwerke wie Facebook oder Twitter alles mögliche behauptet und verbreitet werden. Letztendlich finden sich so immer Mitstreiter, die sich dem Thema annehmen, es erweitern, teilen und somit immer bekannter machen. Zudem ist es gar nicht so schwer, selbst Verschwörungen in die Welt zu setzen oder an solche zu glauben.

Ein Thema, an dem man die Wirkung von Verschwörungstheorien gut erklären kann und das vor allem jetzt, in der Jahreszeit der Erkältungen und Grippewellen wieder aktueller wird, ist das der Impfgegner. So formiert sich seit einigen Jahren eine immer größer werdende Gruppe besorgter Eltern, die Impfungen mehr als eine Bedrohung als einen Schutz vor Krankheiten sieht und ihre Kinder nicht mehr gegen Krankheiten, wie beispielsweise Masern, impfen lässt. Häufig hört man dann Argumente wie „Durch eine Erkrankung wird man doch eher abgehärtet“ oder „Die meisten Krankheiten sind doch schon ausgerottet, mein Kind wurde noch nie krank“.

Allgemein lassen sich bei der Diskussion zwei Gruppen unterscheiden, die Impfskeptiker und die Impfgegner.

Die Gruppe der Impfskeptiker will sich häufig erstmal informieren, ist verunsichert von den Informationen aus diversen Internet-Foren oder den Gesprächen mit anderen Eltern im Kindergarten oder auf dem Spielplatz. Und sind wir mal ehrlich, als Mutter oder Vater macht sich bestimmt jeder Gedanken über die Impfung des eigenen Kindes, haben viele doch noch ihre eigenen Erinnerungen an die fiesen Nadeln und geschwollenen Einstichstellen.  Dazu kommt, dass sich natürlich auch unser Fokus etwas verschiebt, wenn wir häufiger mit den Gefahren von Impfschäden als mit den Gefahren und der Präsenz von Krankheiten wie Masern oder Hepatitis konfrontiert werden. Der Filterblase sei Dank. Aber auch, wenn immer ein Restrisiko bleibt, das übrigens auch bei Medikamenten oder Operationen besteht, ist es dennoch wichtig, seine Kinder und damit auch sein Umfeld vor gefährlichen Krankheiten zu schützen.

Die Gruppe der Impfgegner ist da schon etwas radikaler. Kampagnen wie „Impfen? Nein, danke!“ rufen zu Demonstrationen gegen das Impfen auf und verbreiten im Internet ihre Seite der „Wahrheit“. Wie die meisten Verschwörungstheoretiker sind sie mit rationalen Argumenten, Studien oder der Darstellung der Gefahren der Krankheiten kaum zu überzeugen. Dass ungeimpfte Kinder oder Erwachsene vielleicht nur aufgrund des Gemeinschaftsschutzes nicht krank werden, da ihr Umfeld durch die Impfung gegen die Viren immun ist und diese deshalb nicht weitergeben kann, lassen sie unter den Tisch fallen. Stattdessen werden abstruse Theorien aufgestellt, die sogar noch dann weiter bestehen, wenn sie schon längst widerlegt wurden. Die wohl hartnäckigste Behauptung stammt von Andrew Wakefield, der seine Zulassung als Arzt mittlerweile verloren hat. Er stellte einen vermeintlichen Zusammenhang zwischen der MMR-Impfung (Masern, Mumps und Röteln) und Autismus her. Obwohl diese Behauptung schon kurz darauf empirisch widerlegt werden konnte, hält sie sich bis heute, denn vielleicht sollte das wirkliche Ergebnis ja nur vertuscht werden? Andere Impfgegner unterstellen der Pharmaindustrie eine Verschwörung, um an möglichst viel Geld zu kommen, wieder andere vermuten eine Vergiftung der Bevölkerung, hinter der vermutlich der Staat stehen soll.

Zieht man diesen Faden weiter, stößt man irgendwann auf die Theorie der Lügenpresse, die durch Donald Trump und hierzulande der AFD und PEGIDA erst richtig Aufschwung erhalten hat. Der 45. Präsident der USA ist bekanntermaßen wohl einer der berühmtesten Verschwörungstheoretiker und, Überraschung, natürlich auch Impfgegner.

Dabei ist er zudem wohl auch das perfekte Beispiel, wie man soziale Medien wie Twitter und Co. zur schnellen und effektiven Verbreitung von Misstrauen und alternativen Fakten und zur Manipulation und Irreführung verwenden kann.

Abschließend lässt sich sagen, dass hinter Verschwörungstheorien häufig nicht viel Wahrheit steckt, diese aber durchaus zu wachsender Verunsicherung führen können. Während Theorien wie die Vergiftung durch Chemtrails oder die Verstrahlung durch Strichcodes allerdings kaum Auswirkung auf die Masse der Bevölkerung haben, sieht das beim Thema Impfen leider ganz anders aus. Letztendlich bleibt es jedem selbst überlassen, ob man sein Kind oder sich selbst impft oder nicht. Eine Impfpflicht, wie manche Politiker sie fordern, ist zudem wahrscheinlich nicht der sinnvollste Weg, Impfskeptiker von der Wichtigkeit der Immunisierung zu überzeugen und ein mulmiges, ungutes Bauchgefühl vor Impfungen ist sicher auch nichts unnormales. Aber blickt man nur mal 80 Jahre zurück, muss doch jeder zugeben, dass wir Menschen heute eine wesentlich höhere Lebenserwartung haben, unter anderem deshalb, da wir den Gefahren von Kinderlähmung, Diphtherie oder Masern nicht mehr unmittelbar ausgesetzt sind – der Wissenschaft sei Dank!

Magdalena Herden

Studentin der Kommunikationswissenschaft – Otto-Friedrich-Universität Bamberg

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