Schattenseiten des Social Web

Diddlblätter. Mandalas. Süßigkeiten. Tamagotchi. Das war der Inhalt der Schultüte der 90er-Kids. Heutzutage steckt in den Tüten ein Handy, ein Tablet oder sogar ein kleiner Laptop. Das erlebt Lisa Beßenreither als Grundschullehrerin einer Bayreuther Grundschule immer häufiger. In einem Gespräch mit mir erzählt sie, ein Schüler habe ihr einmal gesagt, er hätte kein „richtiges“ Handy. Auf die Frage, was denn kein „richtiges“ Handy sei, meinte er: „Ja das hat noch Tasten!“. Während es vor 10 Jahren noch normal war, in der 5. Klasse Mamas Nokia-Handy ausnahmsweise mit in die Schule zu nehmen, falls sich der Bus verspätet, ist man heute in der 1. Klasse schon uncool, wenn man ein Handy mit Tasten hat.
Lisa Beßenreither erzählt, dass regelmäßig Handys im Unterricht läuten, weil die Kinder noch nicht richtig damit klarkommen. Allerdings muss den Kindern nicht mehr erklärt werden, wie das Internet verwendet wird, weil sie das alles von Zuhause kennen. Wissenschaftler Manfred Spitzer sieht das kritisch. Er zählt mit seinem Beststeller „Digitale Demenz“ zu den bekanntesten Kritikern. In einem Interview erläutert er sein Buch. Mit seinem strikten Schwarz-Weiß-Denken rät er Eltern, Kindern den Umgang mit Medien zu untersagen. Ein anderer Blogpost behandelt kritisch Manfred Spitzers Thesen. Andere Kritiker halten es zwar für richtig, dass exzessiver, einseitiger, isolierter Medienkonsum Gefahren in sich birgt, halten aber Spitzers Aussagen für übertrieben. Das KJM (Kommission für Jugendmedienschutz) als oberste Aufsicht für Rundfunk und Telemedien geht „bei problematischen Medieninhalten grundsätzlich von einem Wirkungsrisiko für Heranwachsende“ aus. Aber warum sehen viele so ein Risiko bei Kindern und Jugendlichen? Die Frage ist leicht zu beantworten, sagt Nicole Misch in einem Interview mit mir, eine Gymnasiallehrerin eines Erlanger Gymnasiums. Kinder und Jugendliche sind in ihrer Entwicklung zu einer gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit noch nicht abgeschlossen, erzählt sie weiter. Persönlichkeitsentwicklung kann durch die Nutzung bestimmter Medieninhalte beeinträchtigt oder schwer gefährdet werden. Verschiedene Bereiche können betroffen sein. Die Identitätsbildung kann durch Stars, Medienhelden, Verhaltensweisen und repräsentierte Stereotypen beeinträchtigt werden. Auch die sexuelle Entwicklung ist betroffen – von der Musik mit sexualisierten Songtexten über deren freizügigen Videoclips. Aber auch freizügige Selbstdarstellung z.B. auf der Plattform Instagram. Einfache, aber auch harte Pornografie und Sexclips. Es gibt nichts, was man im Web nicht finden würde. Darstellung von Gewalt beeinträchtigt die moralische Entwicklung von Kindern. Extremismus, Propaganda und Hetze gegen das System die politische Sozialisation. Besonders betroffen ist auch die physiologische Entwicklung. Es gibt unzählige Foren und Blogs zu Themen wie Suizid und Selbstverletzung. Magersüchtige, die sich gegenseitig pushen. Cannabis-Portale. All das findet man innerhalb von wenigen Minuten im Netz. Auch Kinder. Oft haben Kinder auch einfach noch nicht die Fähigkeit zu verstehen, dass sich hinter einem süßen Profil vielleicht ein nicht so süßer, älterer Pädophiler versteckt. Kinder und Jugendliche sind durch ihre Unerfahrenheit in der Mediennutzung viel zu leicht zu beeinflussen. Oftmals können Eltern ihre Kinder auch nicht schützen. Deshalb sind viele davon überzeugt, dass Jugendschutzverstöße aufgespürt und härter bestraft werden sollten. Besonders sollte man darauf achten, dass die Heranwachsenden nicht ungewollt mit problematischen Inhalten in Kontakt kommen. Zu guter Letzt sollten die Eltern anfangs doch ein Auge auf das Social Web ihres Kindes haben. Doch alle technischen Hilfsmittel, Verbote und Beschränkungen haben auch ihre Grenzen. Und auch Eltern sollten möglichst nicht ständig ihre Kinder kontrollieren. Man begleitet Kinder ja auch nur die ersten Schultage mit in die Schule und läuft nicht jeden Tag aus Angst mit. So sollte der Umgang mit dem Social Web und Kindern auch aussehen. Den Kindern alles zeigen, erklären und warnen, aber dann Vertrauen in sie setzen, anstatt sie hinter ihrem Rücken zu überprüfen.

 

Stefanie Fickert

Otto-Friedrich Universität Bamberg

Kommunikationswissenschaften

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