Whataboutism: Argumentationslos Diskussionen gewinnen

Wer kennt sie nicht, die Diskussion, die man damals zu Schulzeiten mit Mama geführt hat? Stolz brachte man eine Zwei in der Englischprüfung mit nach Hause, woraufhin Mama fragte: „Und was hat Hanna?“. Betretener Blick zur Seite, leises Murmeln: „Eine Eins.“ Ihre Reaktion: „Na, dann hättest du auch eine schreiben können.“ Zwei Wochen später der eigene Versuch, den Spieß diesmal herumzudrehen: „Mama, in Mathe hab ich eine Drei. Aber Hanna hat eine Vier!“ Nun zeigte Mama natürlich kein Interesse mehr an den Leistungen der Freundin.

Schon als Kind wendet man also eine Kommunikationstechnik an, die leider auch von vielen Erwachsenen, z.B. von Politikern gerne genutzt wird: Von der eigentlichen Problematik ablenken und mit dem Finger anklagend auf andere zeigen. Man spricht auch von Whataboutism.

Der amerikanische Präsident Donald Trump liefert für dieses rhetorische Mittel immer wieder Paradebeispiele. Sein Talent, verbale Angriffe auf sein Verhalten abzuwehren, beweist er nicht nur durch die Darstellung von Unwahrheiten als alternative Fakten. Auch Gegenargumente perlen an ihm ab, wie Wasser an einer Regenjacke. Prompt weist er auf die Fehler oder Missstände anderer Personen oder Staaten hin und das ursprüngliche Problem ist vergessen. Vor allem Hillary Clinton steht dabei oft im Zentrum seiner Aufmerksamkeit.

Trump Post

 

 

Doch nicht nur Trump, auch deutsche Politiker, beispielsweise AfD-Mitglieder, benutzen Whataboutism, um im Diskurs von den eigenen fehlenden Argumenten abzulenken. Und auch in sozialen Netzwerken wie etwa Facebook gehen Nutzer, wenn sie in einer Diskussion in die Enge gedrängt werden, häufig auf andere los oder schneiden einfach ein neues Thema an, statt sich mit den Argumenten anderer User ernsthaft auseinanderzusetzen. Paulus Müller hat sich mit seinem Rap „Aber, Aber“ dem Gesprächsverhalten von Usern in einer Debatte über das Parken auf Radwegen gewidmet.

 

Anwender der Whataboutism-Strategie sind meist erfolgreich, denn sie lässt sich beinahe in jedem Themengebiet anwenden und stiftet Verwirrung. Während man versucht, das Gegenüber zum eigentlichen Gesprächsthema zurück zu bewegen, beharrt der Whataboutismer auf dem Standpunkt, der ihn in eine argumentatorisch überlegene Position manövriert. Meistens kapituliert man irgendwann angesichts dieser Uneinsichtigkeit und lässt sich entweder auf einen Schlagabtausch auf einem Gebiet ein, über das man eigentlich gar nicht sprechen wollte oder man bricht die Diskussion ab. Eigentlich kann man also nur verlieren, wenn man mit sachlichen Argumenten versucht, dem Whataboutismus etwas entgegenzusetzen. Die Gefahr einer so ablaufenden Diskussion liegt darin, dass der Facebook-Nutzer oder Politiker die Möglichkeit hat, sich selbst durch Ablenkung und Gegenargumente zu profilieren, ohne dabei auf die Einwände seiner Gesprächspartner eingehen zu müssen. Es findet keine Selbstreflexion statt, die Bestandteil jeder wichtigen Debatte sein sollte.

Im Umgang mit Whataboutismus ist es hilfreich, den Schlagabtausch nicht zu überstürzen und sich Zeit zu nehmen, die eigenen Argumente logisch darzulegen und es eventuell anwesenden Zuhörern oder Lesern einfacher zu machen, den Intentionen der Debattierenden zu folgen. Manchmal leichter gesagt als getan: Man sollte sich die Ausgangsfrage immer vor Augen halten und gegebenenfalls darauf zurück kommen.

 

Selina Jörgensen

Kommunikationswissenschaft, Otto-Friedrich-Universität Bamberg

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