Tabus – Auf dem Müllhaufen der Geschichte?

Tabus sind Tabu.

Tabu. Bereits der Wortklang signalisiert etwas Negatives. Etwas, das man einfach nicht tut oder sagt. Nicht einmal denkt. Schlecht, oder? Tabus müssen in einer aufgeklärten Gesellschaft gebrochen werden. Das Sprechen über Naziverbrechen, der offene Umgang mit Sex, Frauen, die Hosen tragen. – Nur einige Beispiele für ehemalige Tabus, die wir glücklicherweise los sind. Wir brauchen sie nicht. Oder?

 

Ein unschuldiges, unbewusstes Kind wird zum Mittel für den Wahlkampf einer Partei. Tabubruch.

 

Der US-amerikanische Präsident schimpft auf den Rechtsstaat. Tabubruch.

 

Manche der No-Gos würden wir also doch gerne behalten. Gerade in Zeiten der sozialen Medien fällt es aber leichter, Tabus zu brechen. Bricht man in der „realen Welt“ ein Tabu, hat man direkt mit den Konsequenzen zu rechnen. Wird man im Internet für einen Tabubruch verurteilt, muss man ein paar Kommentare lesen. Das war’s. Kein Gespräch, keine verurteilenden Blicke, keine Fragen, die man beantworten muss, wenn man keine Lust hat. Auch haben die wenigsten Menschen Lust dazu, in ihrer Freizeit mit Trollen zu streiten. „Hilft ja eh nichts.“

Sollte es deshalb eine Instanz geben, die verhindert, dass bestimmte Grenzen überschritten werden? Selbstverständlich. Alle Tabus funktionieren auf diese Weise allerdings nicht. „Tabus sind eigentlich immer Gruppeninteressen, Gruppennormen“, sagt Andreas Zick vom Institut für Konflikt- und Gewaltforschung der Uni Bielefeld dazu. Mehr sind Tabus nicht. Sie zeigen, was verschiedene Gesellschaftsschichten zu verschiedenen Themen denken.

 

Wird man deshalb alles „wohl noch sagen dürfen“?

Dass Tabus nicht auf ewig und allgemein begründbar sind, heißt nicht, dass alles akzeptiert werden muss. Der Rechtsstaat ist dafür verantwortlich, den Rahmen zum Schutz der Menschenrechte zu bilden. Dort endet seine Befugnis aber auch. Äußert sich ein Tabubruch in Gewalt, muss er eingreifen. Äußert er sich in Drohungen, muss er eingreifen. Äußert er sich in einer auf die Politische Korrektheit wütenden Alice Weidel oder einem vom Grapschen träumenden Donald Trump, kann der Rechtsstaat nichts tun.

Die einzige Möglichkeit, nötige No-Gos aufrechtzuerhalten, besteht darin, für diese zu argumentieren. Legt man seinen Gegnern dar, warum ihre Ansichten falsch sind und welche Grenzen sie überschritten haben, besteht zumindest die Möglichkeit, dass einige von ihnen einlenken. Das Problem an den Ideologien, die Gauland, Trump, LePen etc. vertreten, ist ja eben, dass das rationale Argumentieren aufgegeben wurde. Möchte man Tabus erhalten, muss man sie begründen. Kann man sie nicht begründen, sind sie unnötig. Tabus zeigen die Meinung der Gesellschaft. Allerdings nur wenn diese auch geäußert wird. Der Staat kann unsere Grundrechte schützen, aber – glücklicherweise – keine Tabus vorschreiben. Argumentieren wir als aufgeklärte Menschen nicht rational und respektvoll, werden auch die Tabus nicht auf Vernunft und Respekt aufgebaut.

 

Bastian Rosenzweig
Kommunikationswissenschaft, Soziologie, Philosophie
Otto-Friedrich-Universität Bamberg

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s