Weckruf für die Welt

Das Leben des Dreijährigen endete jäh, in den Wogen des Mittelmeers, auf der Flucht vor Krieg und Zerstörung. Aylan Kurdi, sein fünfjähriger Bruder Galip, seine Mutter Rehan und acht andere Flüchtlinge starben bei dem Versuch, mit einem Boot von der Türkei die griechische Insel Kos zu erreichen. Das Bild des toten Jungen ging um die Welt. Es markiert einen „medialen Wendepunkt“ in der Flüchtlingskatastrophe.

 
Für die meisten Medien, die das erschütternde Foto gezeigt haben, ist das Bild zu einem Symbol des Versagens der Politik im Umgang mit der Flüchtlingskrise geworden. Eingereiht wird es bereits in die Dokumente, die aus der Zeitgeschichte nicht mehr wegzudenken sind, wie Robert Capas Foto vom sterbenden Soldaten im Zweiten Weltkrieg, die Bilder der vor dem Napalm der Amerikaner fliehenden Kinder in Vietnam, die Fotos von traumatisierten Menschen nach dem Einsturz des World Trade Centers oder von Leichenbergen in den Konzentrationslagern. Wir alle erinnern uns an solche Bilder. Sie haben sich eingebrannt in unser Gedächtnis wie nun auch der kleine Junge, dessen Schicksal für Millionen von Kindern steht, die auf der Flucht vom Tod bedroht sind.

Mit den Hashtags #FortgespülteMenschlichkeit, #HumanityWashedAshore, #KiyiyaVuranInsanlik wurde das Foto von Aylan mehrere tausend Male auf Facebook und Twitter geteilt. Zeichner und Grafiker setzten auf ihre Weise Zeichen.


Die andere Seite: Solidarität und jede Menge Herzlichkeit

Zeitgleich formiert sich quer über den europäischen Kontinent die Zivilgesellschaft, um den Geflohenen zu helfen. Auf Twitter posten tausende Menschen in ganz Europa unter dem Hashtag #RefugeesWelcome und werben so für ein Klima der Toleranz.

Diese Karte zeigt auf eindrucksvolle Weise die Verbreitung des Hashtags.

Heutzutage ist das der erste Schritt, um auf Grausamkeiten auf dieser Welt zu reagieren. Doch das Engagement hört an dieser Stelle nicht auf. Das beweisen allein in Deutschland die vielen ehrenamtlichen Helfer, aber auch Behörden, Polizisten und Rettungskräfte, die seit Monaten Enormes leisten. In Hamburg engagieren sich über 2.000 Freiwillige in den über 90 Flüchtlingsunterkünften. Es gibt einen regelrechten Ansturm der Hilfsbereiten. Hand in Hand, spontan über die Netzwerke organisiert, bereiten Tausende den erschöpften Flüchtlingen einen menschenwürdigen Empfang. Seit die ersten Züge aus Ungarn in Deutschland eingetroffen sind, schwappt den Geflohenen  eine riesige Welle der Solidarität entgegen. Egal ob München, Dortmund, Hamburg oder Frankfurt: Die Bahnhöfe quellen über vor Sachspenden – und jeder Menge Herzenswärme.

  

Für den kleinen Aylan kam jede Hilfe zu spät. Der Vater des kleinen Jungen sagte, er wolle nun den Rest seines Lebens neben den Gräbern seiner Liebsten in Kobane sitzen: „Ich brauche nichts mehr von dieser Welt. Alles was ich hatte, ist verloren. Aber meine Kinder, meine Frau, es ist ein Weckruf für die Welt. Und hoffentlich schreiten sie ein und helfen anderen.“
Thomas Mavridis

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