Sexismus, Feminismus und Journalismuskritik – Wie #GamerGate die skurrilste Diskussion im Internet wurde

Feministische Verschwörung, Hetzkampagnen samt Morddrohungen, Millionen von Tweets und Kulturkampf – Seit dem Sommer tobt in den USA die bizarre Auseinandersetzung #GamerGate im Internet – weitestgehend unbeachtet von Europa und Deutschland. Zeit hier einen kleinen Abriss der Geschehnisse zu geben. Vorhang auf für das Kuriositätenkabinett:

Die Geschichte von GamerGate begann zunächst recht trivial: Mit einem eifersüchtigen Ex-Freund, der sich rächen wollte. Zu diesem Zweck rief Eron Gjoni am 16. August den Blog TheZoePost ins Leben. Dort veröffentlichte er Chatprotokolle aus Privatgesprächen seiner Exfreundin Zoe Quinn, die beweisen sollten, dass sie ihn mit mindestens fünf Männern betrogen haben soll.

Gut, so ein massiver Eingriff in die Privatsphäre einer jungen Frau ist hässlich, vermag aber nun kaum ein überbordendes Interesse erzeugen. Besonders wird diese Enthüllung erst dadurch, dass Zoe Quinn eine Indie-Spieleentwicklerin ist und auf der Liste der Liebhaber der Name Nathan Grayson, ein Spieljournalist bei den Seiten Kotaku und Rock, Paper, Shotgun, auftaucht.

Während des Sommerloches schlägt die Nachricht in News-Meldungen und Spiele-Foren mit ungeheurer Wucht ein. Dort wird der Verdacht laut, dass Quinn eine Affäre mit dem Journalisten Grayson begonnen habe, damit dieser ihr Spiel gut bewerte und Werbung dafür mache. Viele Spieler hegen grundsätzlich ein generelles Misstrauen gegenüber der Spielindustrie und kritisieren die Intransparenz, mit der der Spielejournalismus und die Industrie verbandelt ist. Das Schlagwort von gekauften Wertungen geht regelmäßig im Netz um. Diese Kritik war auch zunächst der Kern von GamerGate.

Als Quinn dann ein anklagendes Video wegen Copyright-Verstößen auf Youtube sperren ließ, schlägt die eher sachliche Kritik langsam in Hetze gegenüber der Person Quinns um. Beleidigungen wie „Whore“ sind noch die eher harmloseren Begriffe. Man versuchte anhand alter Tweets zu rekonstruieren, wann Quinn mit wem liiert war, streute haltlose Gerüchte und hackte E-Mail-Konten. Von nun an zieht die Auseinandersetzung sukzessive Trolle an, Leute, die nicht an einem vernüftigen Diskurs interessiert sind und nur weiter Öl ins Feuer der Hexenjagd gießen wollen.

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In Foren kursieren zahlreiche  Memes, die Zoe Quinn verunglimpfen. (Quelle: http://i.imgur.com/dq8dyqa.jpg)

Aber auch Quinn und ihre Twitter-Unterstützer sorgten dafür, dass sich die Lage weiter zuspitzte. Auf Twitter machte Quinn Stimmung gegen die Gruppe Fine Young Capitalists, welche Frauen an die Spielbranche heranführen möchte. Quinn warf ihnen die Ausbeutung junger Entwicklerinnen vor und sorgte mit ihrer Twitter-Armee dafür, dass die Seite der Gruppe mittels einer DDoS-Attacke (Massenanfragen an einen Server) zusammenbrach. In der Folge schwappten Vorwürfe zwischen Quinn-Kritiker und -Unterstützer hin und her, beide Lager bezichtigten sich der gegenseitig Lüge, vermeintliche Enthüllungen und Beweise wurden wie wild gepostet. Auf Twitter explodierte die Anzahl an Tweets zu diesem Thema. Seinen Namen erhielt die Diskussion dann schlussendlich durch den Schauspieler und Tea-Party-Anhänger Adam Baldwin (u.a. Firefly, Chuck) mit dem folgenden Tweet:

Darin retweetete er das Kommentar, dass auch viele Frauen, und nicht nur Männer, gegen Zoey Quinn seien. GamerGate weitet sich nun auf das Thema Feminismus in Videospielen aus. Und damit wären wir bei Anita Sarkeesian. Bekannt wurde Sarkeesian 2012 mit der zunächst fünfteiligen Videoserie Tropes vs. Women. Darin kritisiert sie die sexistische Darstellung von Frauen in Videospielen. In der Folge polarisierte Serkeesian stark: Einige lobten sie, da sie ein wichtiges Thema anspreche, doch viele rieben sich an der überspitzten und einseitigen Darstellung Sarkeesians. Klischeehafte Stereotypen seien auch bei männlichen Rollen in Videospielen zu finden und gebe es auch positive Frauenbilder in Videospielen, die Sarkeesian aber wissentlich ausklammert. Viele Gamer sahen damals die Kritik Sarkeesians auf sich und die Gamingkultur selbst bezogen. Im Internet sah sie sich dadurch derben Schmähungen ausgesetzt, ein Vorgeschmack darauf, was noch kommen sollte.

Im Zuge von GamerGate schaltete sich Sarkeesian ein und sprach Zoe Quinn Mut zu und äußerte mit ihrem Twitter Account Feminist Frequency, dass jeder, der der jetzt noch #GamerGate unterstütze, die Schikane der Spielindustrie gegenüber Frauen befürworte.

Dies wiegelte die Gegner der „Spielefeministinnen“ noch weiter auf, unter anderem verbreiteten sie den Vorwurf, hinter der Solidarität der beiden Frauen stecke eine feministische Verschwörung. Nach zahlreichen Morddrohungen sah sich Sarkeesian dazu gezwungen aus ihrer Wohnung zu flüchten. Ebenfalls eine Morddrohung erhielt der Autor Milo Yiannopoulos, als er in einem Artikel auf der Seite breitbart.com schrieb, dass „feministische Programmierer“ sich durch das Internet lügen, um an „Aufmerksamkeit und […] Geld“ zu gelangen. Aber das Interessante an dem Artikel ist, dass die Seite breitbart.com eigentlich eine konservative Nachrichtenseite ist. #GamerGate gleitet immer mehr ins Politische ab – Rechtsgerichtete gegen linke Feministen.

Manchmal ‚verirren‘ sich auch deutsche Tweets unter #GamerGate.

Im Oktober und November kommt das Thema endgültig im öffentlichen Mainstream der USA an: Zahlreiche Personen des öffentlichen Lebens äußerten sich zu GamerGate, Anita Sarkeesian wird in Talkshows eingeladen und muss sich der Frage stellen, ob #GamerGate ein Kulturkampf ist, und auch die Presse wie BBC News und die Huffington Post berichten ausführlich über die Geschehnisse.

Mittlerweile ist #gamergate von der anfänglichen Kritik an Presse und Industrie vollständig abgekoppelt. Eigentlich geht es gar nicht mehr um Games und Ethik im Journalismus. Es ist vielmehr zu einem Schmelztiegel geworden, der für unterschiedlichste Strömungen, Misogynie und politische Anschauungen herhalten muss, dabei aber auch einen interessanten Spiegel der Gesellschaft bietet. Wenn die Sarkeesian-Anhänger fordern, dass es der Spielfigur auch möglich sein sollte eine gleichgeschlechtliche Beziehung innerhalb des Spiels zu erleben, dann erinnert das nicht von ungefähr an die Diskussionen um die Homoehe hierzulande. In den USA werden solche Problematiken natürlich nochmals emotionaler ausgefochten.

Abseits solcher moralischen Aspekte und seiner Beispielhaftigkeit, welche Eigendynamik Themen im Internet entwickeln können, bietet #GamerGate aber auch für weitere Diskussionen Gesprächsstoff: Wie soll unsere Diskussionskultur im Internet überhaupt aussehen? Wie wollen wir diese verändern? Wie gehen wir dem immer stärker werdenden Problem der Trolle entgegen? Muss man ernsthafter über die Einführung eines Klarnamenzwangs nachdenken? Fest steht bisher nur eins: #GamerGate wird noch eine ganze Zeit durch das Internet branden.

Was ein betrogener Ex-Freund manchmal alles auslösen kann …

Christian Grosch
Kommunikationswissenschaft
Otto-Friedrich-Universität Bamberg

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