„Früher war alles besser“

Ein Satz, über den viele sicherlich schmunzeln müssen. Wer kennt ihn nicht, den typischen „Früher war alles besser“-Pessimisten, der manchmal so ein bisschen in uns Allen steckt. „In D-Mark war alles billiger.“ „Elektrogeräte konnte man noch reparieren, statt sie nach zwei Jahren durch ein Neues zu ersetzen.“ „Die Jugend von heute ist viel unverschämter.“ Es mag in manchen dieser Sätze Wahrheit stecken – doch vielleicht neigen wir einfach dazu uns rückblickend Dinge schön zu malen.

So mag es auch dem ein- oder anderen Social Media-Skeptikern gehen. Schneller, unpersönlicher, kompliziert, zeitaufwendig, nicht wirklich lukrativ. Klassische PR-Instrumente waren viel einfacher. Zugegeben: Die offensichtlichen Skeptiker werden weniger. Mittlerweile haben wir alle akzeptiert, dass das „Phänomen“ Web 2.0 eben existiert. Vor allem die jüngeren Generationen sind dauernd online sind. Unternehmen kommen fast nicht mehr drum rum sich mit dem Thema zu beschäftigen.  Aber ist es wirklich ein neues „Phänomen“? Und war früher wirklich alles anders und besser?

Alles neu im Web 2.0?

Schaut man sich das Gebilde des Social Web einmal genauer an, wird einem bewusst, dass eigentlich Vieles (fast erschreckend) gleich geblieben ist.
Statt beim Bäcker tauscht man sich jetzt eben auf Ratgeber-Plattformen wie HELPSTER über die besten Fleckenmittel aus. Dem Friseur erzählt man immer noch alles über Gott und die Welt, aber danach liked man ihn eben auf Facebook und bedankt sich mit einem Foto für die tolle Frisur. Zum Abendessen sucht man ein Rezept, aber fragt nicht die Nachbarin, sondern die User auf chefkoch.de. Die Bestätigung vom Partner reicht nicht mehr, viele Likes für das Bild machen das Abendessen erst so richtig lecker. Wenn man wissen will ob eine Firma ordentliche Arbeit leistet fragt man eben die User der Bewertungsplattform statt den Freundeskreis. Wir machen alles wie immer – nur eben online.

Der Schrecken der (Echt)Zeit

Diese Beispiele allein zeigen: Unsere Grundbedürfnisse und Verhaltensweisen bleiben dieselben – wir kommunizieren, tauschen uns aus und wollen mehr oder weniger Aufmerksamkeit. Der einzige Unterschied ist der Kanal. Und die Reichweite. Normalerweise müsste hier klassischerweise wohl noch die Geschwindigkeit erwähnt werden. Die Geschwindigkeit, vor der viele PR-Abteilungen Angst haben. Und die Geschäftsleitung, denn wer soll das bezahlen? Wir müssen schließlich 24 Stunden am Tag auf der Hut sein, was wer über uns schreibt.

Wenn allerdings die Frau Müller eine neue, schreckliche Haarfarbe hat, kam das auch erstaunlich schnell am anderen Ende vom Dorf an. Und im Nachbardorf. Und bei der Cousine von Frau Maier 300km weg beim wöchentlichen Telefonat Der einzige Unterschied: wir diskutieren im Web eben viel gebündelter, nahezu in Echtzeit und wir erreichen eine viel größere Masse.
Früher auch schon 24 Stunden über ein Thema geredet. Bis zur Veröffentlichung der nächsten Pressemeldung dauert es aber eben seine Zeit. Die Diskussion allerdings ist kaum schneller geworden – höchstens flächendeckender. Und wir müssen schneller reagieren – weil wir es eben können.

Die Chancen des Web 2.0

Die größte Chance dabei ist: Wir wissen auf einmal was über uns gesprochen wird. Der Traum eines jeden PR-Managers wird wahr. Dank gezielter Beobachtung der Social Media-Kanäle und zahlreichen Monitoring Tools wissen wir sehr genau was wer schreibt. Was früher aufwendigste Recherche war, ist heute nur noch Herr der Datenflut werden.
Wir müssen zugeben: Kunden schaden uns nicht nur mit negativen Kommentaren – sondern liefern uns gleichzeitig ganz einfach und direkt Daten mit denen sich ein Unternehmen optimieren kann.

Wir müssen nicht komplett umdenken – der Mensch der erreicht werden soll bleibt eben doch derselbe. Mit denselben Bedürfnissen. Vielleicht will er ein bisschen mehr mitbestimmen und gestalten – weil die Hemmschwelle durch das sogenannte Web 2.0 herabsinkt. Heute sind wir alle ein bisschen Produkttester und Experte. Genauso waren wir aber auch schon vor 20 Jahren am Stammtisch einer von 80 Millionen Bundestrainern. Auf der Presskonferenz muss der Pressesprecher auch aufpassen was er sagt und was er anhat. Die Spielregeln haben sich letztendlich eben doch kaum verändert.

Ein Ausblick

Wir sollten nicht vergessen, dass Kassetten auch mal der neueste Schrei waren und jetzt völlig Retro sind.  Farbfernsehen ist noch garnicht so lange in allen Haushalten gängig. Und was vor 7 Jahren noch eine Sensation war, ist heute schon fast Oldschool. Das erste Iphone-Modell war eine Art Revolution, ein Vorreiter. In ein paar Jahren wird es  wahrscheinlich eine Retro-Handyhülle in Iphone 3G-Optik geben. Wie es im Moment Hüllen gibt, die aussehen wie ein Game-Boy-Color oder eben eine Kassette. Genauso geht es uns in ein paar Jahren sicherlich mit Facebook, Twitter und Co. – Facebook? Total retro!

Dirk Kruse / pixelio.de

Dirk Kruse / pixelio.de

Die gute und die schlechte Nachricht: Wir wissen nie so genau, was noch auf uns zukommt in den nächsten Jahren. Aber wir sind alle Gewohnheitsmenschen – mal mehr und mal weniger. Aber da wir um Wandel sowieso nicht herumkommen, warum dann mit Panik in diese Zukunft sehen. Damit machen wir es uns nur selbst schwer. Die Grundbedürfnisse und Verhaltensweisen bleiben die gleichen, wir müssen nur unsere Instrumente anpassen. Ohne gleich voller Panik alles andere aus dem Fenster zu werfen. Die Schrift wurde entwickelt, später gab es Bücher, dann Computer. Sind Buchstaben deshalb unnötig geworden?

Damit dürfte dann auch der alteingesessene PR-Manager beruhigt sein. Es braucht keine neuen Ideen, keine grundsätzlich neuen Inhalten. Eine Hose bleibt eben eine Hose, ob mit Schlag, Löchern an den Knien oder Fransen. Außerdem: Nur mit Social Media gewinnt man eben auch keinen Blumentopf. Es braucht immer ein Gesamtpaket. Was wir auch oft vergessen: Wir gestalten die virtuelle Welt genauso wie wir die reale Welt selbst gestalten. Wir dürfen uns nicht als armes Opfer dieser Entwicklung sehen. Wir haben selbst in der Hand was wir veröffentlichen. Am Ende bleibt eben immer das einfachste Rezept das entscheidende (auch im realen Leben!): Gesunder Menschenverstand.

Nina Thumerer
Kommunikationswissenschaft
Otto-Friedrich-Universität Bamberg

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