Werbung im Schlaf: Das sprechende Bahnfenster

Werbung – sie ist aus dem täglichen Leben seit Jahrzehnten nicht mehr wegzudenken. Im Fernsehen, im Radio, auf Plakaten, auf Fahrzeugen, in Zeitschriften, in Apps, platziert als Schleichwerbung in Filmen und Serien, am Telefon: Überall buhlen Unternehmen um die Aufmerksamkeit neuer Kunden. Dennoch ist sie meist irgendwie durch Abschalten oder Ignorieren auszublenden. Was aber, wenn man schlafen möchte und plötzlich Werbung im Kopf ertönt?

Quelle: screenshot youtube

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Die Art des Werbens entwickelt sich ständig weiter. Neue technologische Erfindungen wie Smartphone, Tablet Computer oder Social Networks bringen revolutionäre Möglichkeiten mit, um Menschen zu faszinieren und auf Produkte oder Marken aufmerksam zu machen.

Idee des Knochenschalls

Eine nicht ganz neue, der Werbewelt allerdings bisher verborgene Technologie, die bereits in der Medizin für Hörgeschädigte, bei Militär und Polizei sowie für spezielle Kopfhörer verwendet wird, stellt der Knochenschall, im Engl. „Bone Conduction“, dar. Sie beinhaltet das Weiterleiten von Schallschwingungen über die Schädelknochen, die den Gehörgang umgeben, direkt auf das Innenohr. Somit werden das Mittelohr und das Trommelfell nicht zum Hören der auditiven Botschaft benötigt. Bekannt ist dieses Phänomen durch die eigene Stimme: Diese klingt auf Tonbändern anders als man sie selbst hört. Angenehm ist, dass Umgebungsgeräusche dabei nicht unterdrückt werden, da kein Kopfhörer Außengeräusche abschirmt.

Talking Window

Die kommerzielle Nutzung dieser Technologie für Werbezwecke wurde nun von dem Bezahlsender Sky und der Werbeagentur BBDOproximity aus Düsseldorf möglich gemacht. Eine spezielle Sendeanlage (Transmitter) wird am Fenster eines öffentlichen Verkehrsfahrzeugs montiert und überträgt nicht hörbare hochfrequente Vibrationen.

Quelle: screenshot youtube

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Lehnt sich ein Fahrgast an das Fenster, werden die Vibrationen über seine Schädelknochen direkt an das Gehör weitergeleitet und die programmierte Botschaft erklingt in dessen Kopf. Nur Personen, deren Kopf direkten Kontakt zum Bahnfenster hat, hören die Ansage. Sky hat in einem Feldversuch in München und in einem Pendlerzug zwischen Aachen und Düsseldorf seinen neuen Werbekanal für das Produkt „Sky go“ getestet. Hauptsächlich müde und erschöpfte Pendler, die abends auf der Heimfahrt nach etwas Erholung gesucht hatten und deshalb ihren Kopf gegen das Fenster lehnten, waren von der Werbemaßnahme betroffen.

Pro und Contra

Die Reaktionen auf diese Methode sind für das Unternehmen eher negativ: Die meisten Verbraucher reagierten empört auf die voranschreitende Kommerzialisierung des Alltags in dieser Art und Weise. Viele Fahrgäste fühlten sich gestört und bewerteten dies als einen groben Eingriff in die Privatsphäre im Vergleich zu Plakaten, die wenigstens ignoriert werden können. Die schlechte Resonanz wird durch hauptsächlich negative Kommentare bei dem zugehörigen Video auf youtube zum Ausdruck gebracht. Viele kritisieren den Umstand, dass man sich dieser Werbung nicht entziehen kann, ohne sich nicht anzulehnen. In bestimmten Foren werden auch schon Tipps veröffentlicht, wie man die Funktionsweise umgehen könnte, z. B. durch dickere Kissen zwischen Kopf und Bahnfenster. Um die Öffentlichkeit zu beruhigen, ließ Sky verlauten, dass dieses Konzept für das Cannes-Lions-Festival entwickelt worden sei und vorerst nicht als Werbemittel verwendet werden solle. Ein Einsatz in der Zukunft sei aber durchaus denkbar. Desweiteren interessant für Unternehmen bleibt auch die Frage, ob die Verkehrsdienstleister diese Technologie in ihren Verkehrsmitteln überhaupt zulassen. Dies würde die Zufriedenheit ihrer eigenen Kunden zugunsten einer weiteren Einnahmequelle eventuell gefährden.

Quelle: screenshot youtube

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Für Unternehmen bietet diese Technologie komplett neue Möglichkeiten des Werbens im öffentlichen Verkehr: Reisende nehmen die Werbebotschaft trotz Hörschutz oder Kopfhörern wahr. Desweiteren kann eine auditive Botschaft weniger ignoriert werden als ein Plakat oder ein Fernsehspot. Ganz nach dem Motto: „Ihr könnt die Augen schließen, ihr könnt Hörschutz tragen, aber die Resonanz eures Schädelknochens, die könnt ihr nicht verhindern.“ Die einzige Lösung ist es, den direkten Kontakt mit dem Fenster zu vermeiden.

Die entscheidende Frage

Bei allen technischen Möglichkeiten und Vorteilen für Unternehmen bleibt die entscheidende Frage, wie sich die Konsumenten auf diese Art des Werbens einlassen. Auch verschiedene Unternehmensvertreter äußerten sich dieser Methode gegenüber skeptisch. Die große Herausforderung für Unternehmen wird es demnach sein, dieses neue Werbemedium effektiv einzusetzen und eine große Zahl an potentiellen Käufern zu erreichen, ohne diese dabei zu erschrecken oder zu verstören und somit dem Image des Unternehmens zu schaden. Sollte dies gelingen, wird sich für Unternehmen eine bislang unbekannte und erfolgversprechende Möglichkeit des Werbens bieten. Es bleibt also abzuwarten, ob Bahnreisende und Pendler in Zukunft nur noch mit Kissen anzutreffen sind…

 

Benedict Sevov

Studiengang BWL-Industrie, 3. Semester, Duale Hochschule Baden-Württemberg, Campus Ravensburg

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