Social Web als „Waffe“ bei Protestbewegungen

Die jüngste Vergangenheit hat es gezeigt: Es ist Zeit der Proteste. Was mit dem arabischen Frühling begann wird seitdem überall auf der Welt fortgesetzt: Social Web-gestützte Protestbewegungen. Aktuell sorgen vor allem die Proteste in der Türkei und in Brasilien für Aufsehen. Doch warum erheben sich diese Menschen erst jetzt? Dabei spielen soziale Netzwerke wie Facebook oder Twitter eine wichtige Rolle. Und diese Netzwerke haben die Demonstranten erst vor einigen Jahren für sich entdeckt.

Früher gab es auch Proteste, heutzutage lassen sie sich aber leichter aufbauschen. Mit Hilfe des Social Web geht das ganz leicht: Mit einer Milliarde Nutzern bei Facebook und noch einmal der Hälfte bei Twitter lassen sich Informationen rasend schnell über den Globus verteilen. Die Proteste in Brasilien sind durch und durch Social Web-gesteuert: Die Demonstranten organisieren Demonstrationen über Facebook, Teilen Informationen über Twitter und halten sich mit What’s App auf dem Laufenden. In der Türkei profitieren Demonstranten von den gleichen Waffen: Während die türkischen Medien die Proteste am Anfang nur wenig beachteten, wurde das Thema im Internet von Anfang an viel behandelt. Über soziale Netzwerke verbreiten sich Nachrichten, Videos und Bilder wesentlich schneller und aktueller als mit den „konventionellen“ Medien. So kann sich schon im Internet ein Protest anbahnen, noch ehe Zeitung und co. etwas davon mitbekommen.

Im Social Web geht es wesentlich leichter Gleichgesinnte zu finden, sie mit Informationen zu versorgen und letztendlich die Demonstrationen zu organisieren. Sehr zum Unmut für die Regierungschefs der betroffenen Länder. Twitter und Facebook wurden für Türkische Demonstranten zum „Sprachrohr“ in die Welt hinaus. Ein Dorn im Auge Erdogans: Er bezeichnete Twitter als Plage. Während sich der Protest auf den Straßen mit Gewalt zerschlagen lässt, hat er keine Macht über den Protest im Internet. Und den gibt es nicht nur im eigenen Land. Längst haben sich Menschen aus anderen Ländern angeschlossen. Zum Beispiel aus Deutschland in Twitter unter #Erdowahn. Informationen lassen sich im Social Web von Erdogans Regierung weder verdrehen noch herunterspielen. Es wurden schon Twitter-Nutzer verhaftet. Sie hat schon versucht, von den sozialen Netzwerken Informationen über die Demonstranten zu bekommen, diese geben allerdings nichts heraus. Im Gegenteil: Während die türkische Regierung von Twitter ein Büro in der Türkei verlangt, um an Informationen zu gelangen, fordert Twitter-Chef  Dick Costolo das Recht, „detaillierte Angaben zu Anfragen von Regierungsstellen nach Nutzerdaten veröffentlichen zu dürfen“, um die eigenen Nutzer zu schützen. Die können sich noch sicherer dabei fühlen, Informationen unzensiert an die Öffentlichkeit zu geben. Wie wichtig Twitter die eigenen Nutzer sind lässt sich daran sehen, dass es nicht mit dem NSA-Überwachungsprogramm „PRISM“ in Verbindung steht – im Gegensatz zu Facebook.

Die Möglichkeit im Social Web ungefiltert Informationen zu verbreiten hat also durchaus seine Vorteile. Dennoch ist es wichtig, vorsichtig damit umzugehen und nicht alles blind zu glauben, was man im Internet findet. Denn falsche Informationen lassen sich anonym genauso leicht verbreiten. Man braucht sich nur die Vorschläge in Youtube anschauen, die beim Suchbegriff „Syria“ erscheinen: An fünfter Stelle steht  „Syrian army fighting terrorism“. Darunter etliche Videos von Einsätzen der syrischen Armee. Die Syrischen Regierungstreuen verwenden das Internet also auch für ihre Zwecke. Das zeigt, dass ungefilterte und unzensierte Informationen aus dem Social Web auch ihre Schattenseiten haben können.

Robert Singer

Kommunikationswissenschaft, Otto-Friedrich Universität Bamberg

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