Sind wir Zombies 2.0?

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Missionar Spitzer

Mit seinen extremen Ansichten hat der Autor des Buches „Digitale Demenz“ Manfred Spitzer  mehrheitlich angeeckt – mich jedoch sehr nachdenklich gestimmt. Mit Wut im Bauch und spitzer Zunge möchte er die Menschheit vor ihrem Unglück bewahren und eine ganze Generation vor der digitalen Verdummung bewahren. Seine Argumente stützt der Populärwissenschaftler auf zahlreiche wissenschaftliche Studien.

„Wissenschaft ist Wissenschaft!“, streicht er immer wieder heraus und verschließt sich so schließlich jedem gegenläufigen Standpunkt. Ob die digitale Demenz nur das Symptom einer Krankheit oder eine Krankheit an sich ist – das fragen sich viele. Aber was genau sind denn nun diese Symptome?

Oberflächlichkeit, Vergesslichkeit ,Vereinsamung

Digitale Medien erleichtern uns das tägliche Leben und erledigen vieles, was wir früher ohne Hilfestellung erledigt hätten. Wir verlagern geistige Arbeit an PCs, Smartphones, Tablets und Navis und schaden so unserem Geist. Die jederzeit mögliche Abrufung von Informationen verlockt uns zu einer nur oberflächlichen Auseinandersetzung mit Informationen und einer somit niedrigen Verarbeitungstiefe, die der Behaltensleistung schadet. Unser Gedächtnis lässt nach. Gerade die junge Generation, die mit diesem Lernverhalten aufwächst, sieht Spitzer deshalb ernsthaft gefährdet. Um diese zu schützen kämpft er für eine Konsumbeschränkung und lehnte sich mit seinem Buch insbesondere gegen die Pläne der Internet-Enquete-Kommission, digitale Medien in die Schuldbildung miteinzubeziehen, auf. Desweiteren fürchtet Spitzer, dass hoher Medienkonsum zu geistigem und körperlichem Verfall, sozialem Abstieg, Vereinsamung und schließlich Depression führt. Die hitzigen und kulturpessimistischen Auseinandersetzungen um diesen medialen Wandel erinnern an die Lesesucht-Debatte im 18. Jahrhundert. Begegnen wir dem Neuen nicht immer etwas abgeneigt? Oder sind die Sorgen um unsere Gesellschaft diesmal wirklich gerechtfertigt?


The Millennial Generation

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Schaut man heute auf die Straßen, so bietet sich einem mehrheitlich das Bild einer mit sich selbst (also ihrem Handy) beschäftigten Meute. Ein Haufen von Autisten, könnte man meinen. Doch nein, diese Meute interagiert: über Social Media und Instant Messaging Programme. Eine zweite Dimension hat sich herausgebildet: die virtuelle Realität. Eine sich auf das reale Leben beziehende Dimension, in der man Erlebnisse und Beziehungen – wie Trophäen – virtuell abbilden kann. Nun wurde sogar eine App für diese Smartphone-Süchtigen entwickelt um sie vor Hindernissen zu warnen, die sich in ihrer Umwelt auftun: CrashAlert. Wer hätte sich solche Szenarien noch vor wenigen Jahren erträumt? Vor kurzem habe ich von einer alten Dame gehört, die sich sehr darüber freute, mit einer jungen Frau ausnahmsweise mal einige Minuten ohne Unterbrechung durch ihr Smartphone reden zu können. So sehr, dass sie diese zum Café einlud. Für uns „Millennials“ – die Generation der heute 20 bis 35-jährigen – ist diese Dauerkommunikation jedoch schon zur Normalität geworden.


Beängstigende Zahlen

Laut einer Studie der Seite Badoo haben 35% der befragten Deutschen (und 39% der befragten US-Amerikaner) zum Sozialisieren mehr Zeit im Internet als im real life verbracht. Ein Viertel der Amerikaner gab an, bedeutsame Momente nicht richtig genoßen zu haben, da sie den Druck hatten, diese auf Sozialen Netzwerken virtuell zu teilen.

So wird die rauschende Geburtstagsparty durch diverse Snapshots in Instagram und auf Facebook dokumentiert und der anwesende Freundeskreis in einem Status-Update getaggt. Eine andere Studie durch die University of Salford zeigt, dass sich laut dem Großteil der Probanden der Konsum von Social Media negativ auf deren Befindlichkeit, Selbstbewusstsein und Schlaf auswirkt. Eine Studie der HU Berlin zeigte vergangenen Winter, dass die Nutzung von sozialen Netzwerken starke negative Emotionen fördert – insbesondere Neid. Dies wird zum einen dadurch begünstigt, dass es uns durch Facebook & Co. ermöglicht wird, umfangreiche Informationen zu Personen zu finden, die wir offline gar nicht zur Verfügung hätten und natürlich dadurch, dass eben diese Nutzer, die aktiv kommunizieren, meist intendieren, einen guten Eindruck zu hinterlassen – sich eben online von ihrer Schokoladenseite zu präsentieren.

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Nimmt uns das Web 2.0 nicht einiges an Lebensqualität? Ich denke schon. Die Gegenwart kann ich nicht genießen, wenn ich ständig darüber nachdenke, wie ich meinen sozialen Status nun durch einen interessanten Beitrag steigern kann. Einer guten Freundin kann ich nicht völlig entspannt zuhören, wenn mein Handy von Push-Nachrichten überflutet wird und ich mich genötigt fühle, diese zu beantworten. Ich plädiere nicht für eine Abschaffung all dieser Netzwerke. Doch manchmal schalte ich mein Smartphone einfach ab. Im Urlaub bleibt es zu Hause. Und meinen Facebook Account habe auch schon oft deaktiviert. Einfach um zu mir selbst zu kommen. Um im Hier und Jetzt anzukommen.

Lisa Katharina Kopp

Kommunikationswissenschaft Uni Bamberg

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