Der Marktplatz im Web

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Jeder Firmenchef hat eine Vision. Die von Dick Costolo, CEO von Twitter, ist bereits wahr geworden. Er beschreibt sein Unternehmen als den „globalen Marktplatz“, eine öffentliche Live-Plattform, auf der Informationen direkt und ohne Umwege weitergegeben werden.

Das, was Twitter von den klassischen Medien wie Fernsehen, Radio, Zeitung unterscheidet ist folgendes: Es ist keine einseitige Kommunikation, sondert die Information kommt und verteilt sich in alle Richtungen. Zudem ist die Information nicht bereits in kleine Häppchen unterteilt und interpretiert, sondern fordert die Beurteilung und damit auch die Mündigkeit der Rezipienten. Die User werden selbst zu den Trägern der Information. Verschiedene Sichtweisen von Geschehnissen sind somit an der Tagesordnung und auch gewollt.

Allerdings steht Twitter auch in Symbiose mit anderen Medien. Das Zusammenspiel gelingt durch „Second Screen“: man sieht etwas im Fernsehen und tauscht sich unmittelbar dank Twitter darüber aus. Dieser Informationenaustausch führt zu einer höheren Aufmerksamkeit und damit zu mehr Zuschauern für TV-Events. Twitter übt also auch medienübergreifend enormen Einfluss aus. Diesen Einfluss bezieht Twitter vor allem aus der mobilen Nutzung des Dienstes, deren Nutzer viel mehr mit den Inhalten interagieren als User stationärer Computer, d.h. sie retweeten, favorisieren und antworten mehr.

Twitter liefert also den modernen Marktplatz: Informationen werden sofort und ungefiltert (mit-)geteilt.  Ein Beispiel dafür liefern die vor wenigen Tagen in den USA und Australien gefällten Gerichtsentscheidungen, u.a. bezüglich gleichgeschlechtlicher Ehen. Innerhalb kürzester Zeit gelangte eine Unmenge von Informationen in die Twittersphäre: Tweets wurden abgesetzt, Videos via Vine und Fotos vor Ort via Instagram geteilt.  Die Entscheidung des amerikanischen Supreme Courts führte zu Spitzenwerten von bis zu 9.188 themenbezogenen Tweets pro Minute.

Der Begriff „Marktplatz“ impliziert allerdings nicht nur die Kommunikation mit Mitmenschen, sondern eben auch das Geschäft. Personen des öffentlichen Lebens, mit denen es sonst  schwierig ist, in direkten Kontakt zu treten, können mit Hilfe des Dienstes mit ihren Followern direkt in Kontakt treten, Imagepflege betreiben und ihren Werbewert steigern. Unternehmen können Werbung machen, die auf anderen Wegen die Menschen eventuell nicht erreichen würde.

Kürzlich gelangte die Diskussion erneut in die Öffentlichkeit, in wie weit Geheimdienste auf unsere privaten Daten zugreifen. Laut Costolo bearbeitet  das Unternehmen nur eingegrenzte, rechtlich begründete Anfragen. Breit angelegte, unspezifische Überwachung weist Twitter nach eigenen Angaben zurück, um die Privatspähre der User zu schützen. Heutzutage ist die Frage nach der Privatsphäre im Internet aktueller denn je. Dennoch: Jeder ist selbst verantwortlich dafür, welche Informationen er im Netz preisgibt.  Und jeder ist sich bewusst, dass seine Informationen öffentlich zugänglich sind.

Costolos Ziel ist es, dass jeder Mensch auf der Erde in Zukunft Teil des „Twitterverse“ ist.  Er will Twitter als „Puls des Planeten“ etablieren. Klingt nach Allmachtsfantasie.  Er fühlt sich sogar dazu verpflichtet, mit seinem Dienst jeden Menschen zu erreichen. Dieses Ziel wird jedenfalls so bald nicht zu erreichen sein.

Twitter habe so ziemlich alles revolutioniert, so Costolo.  Von der Unterhaltungsbranche bis zur Regierung. Große Worte. Sind sie gerechtfertigt?

David Genz

Kommunikationswissenschaft Uni Bamberg

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