Hallo, was macht ihr denn hier? Tweetups – neuer PR-Trend für Kultureinrichtungen im Social Web?

Wer mit Kultur nicht allzu viel am Hut hat verläuft sich selten in ein Museum, noch seltener in ein Theater oder gar einen Konzertsaal. Für viele ist die Hürde zu hoch, in eine Kultureinrichtung hineinzugehen, um zu erfahren, was es dort zu sehen, zu erleben oder zu hören gibt. Und einfach mal zu fragen: „Hallo, was macht ihr denn hier?“ – das scheint völlig undenkbar. Auf solch unbefangene Art kann man sich Kultureinrichtungen aber neuerdings durch Teilnahme an einem Tweetup nähern. Sie erfreuen sich in jüngster Zeit vor allem bei Museen zunehmender Beliebtheit. Meist tragen private Initiativen die Tweetup-Idee in die Kultureinrichtungen und organisieren sie auch. Eine dieser Initiativen ist KultUp – Tweet up your cultural life! in Frankfurt am Main, die ich im Frühjahr ins Leben gerufen habe.

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Bei diesen Kultur-Tweetups verabreden sich Twitterer in einer Kultureinrichtung, um gemeinsam von dort über ihre Erlebnisse zu twittern. Durch die Festlegung eines Hashtags können gleichzeitig alle Twitter-Nutzer die Events online verfolgen und an ihnen teilnehmen. Bei den Frankfurter Kultur-Tweetups KultUp geht es mir und meiner mitorganisierenden Partnerin allerdings um mehr als ein reines Zusammentreffen von Twitterern. Wir zeigen, was es in Kultureinrichtungen Interessantes und Spannendes zu entdecken gibt und öffnen den Twitterern die Türen der Kultureinrichtungen und den Kultureinrichtungen den Weg in den digitalen Raum, wo sie ihren Aktionsradius für die Dauer der Veranstaltung und darüber hinaus erweitern können. Ganz nebenbei wird Kultur vermittelt – ernsthaft, aber ohne erhobenen Zeigefinger, stattdessen meistens mit viel Spaß an der Sache.

Und was hat das Ganze jetzt mit PR zu tun?

Sehr viel. Die Frankfurter Kultur-Tweetups ermöglichen Kulturvermittlung durch PR und sind nach meinem Verständnis eine PR-Maßnahme. Warum?

  • Sie finden regelmäßig statt und sind langfristig angelegt.
  • Sie dienen dem Aufbau und der Pflege von Beziehungen zu Rezipienten und sollen das Vertrauen der Öffentlichkeit gewinnen.
  • Sie wecken Interesse an kulturellen Inhalten und vermitteln Kulturthemen.
  • Sie wirken nachhaltig.

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Regelmäßig und langfristig

Die Frankfurter Kultur-Tweetups KultUp sind in zweierlei Hinsicht langfristig angelegt. Zum einen sind sie als Reihe konzipiert, die alle vier bis sechs Wochen fortgesetzt wird. Zum anderen wird vorher und nachher über einen längeren Zeitraum kontinuierlich in verschiedenen Social Media und in den klassischen Medien auf die Tweetups hingewiesen. Es werden Ankündigungsbeiträge und Nachberichte veröffentlicht, um Interesse für die Tweetups zu wecken und zu erhalten. Im Vorfeld der KultUps werden bereits informative Links und Fotos getwittert oder es gibt ein Interview zum jeweiligen Thema im Blog. Um ein paar Beispiele zu nennen: Im Vorfeld des Probenbesuchs beim hr-Sinfonieorchester wurden vorab Informationen zum Ensemble, zum Dirigenten, zum Komponisten und zum Werk verbreitet. Beim Jeff-Koons-Tweetup wurden über einen Zweitraum von zehn Tagen täglich Zitate des Künstlers getwittert.

Auf diese Weise sind die beteiligten Kultureinrichtungen mindestens sechs Wochen regelmäßig auf Twitter präsent. Durch die Zusammenfassungen der jeweiligen KultUps im Blog verschwinden diese nicht von der Bildfläche, sondern bleiben lange Zeit erhalten. Zusätzlich setzt KultUp auf klassische Medienarbeit, damit die Kultur-Tweetups nicht als Eintagsfliege enden. Dazu gehören Ankündigungen in Online-Portalen und der Tagespresse ebenso wie Beiträge in Blogs, im Hörfunk, in Zeitungen und Magazinen – auch jenseits der „Kulturmedien“.

Beziehungsmanagement

Da wir Kultur-Tweetups als Public Relations verstehen, pflegen wir den Dialog mit der KultUp-Community intensiv. Wir bauen diese Community organisch auf und nutzen dazu neben dem Blog und dem KultUp-Twitter-Account vor allem auch unsere eigenen Twitter-Accounts. Wir stellen also nicht nur unser gesamtes Know-how, sondern auch unsere „Followerschar“ und unser Netzwerk in den Dienst der Tweetups. Durch die entsprechenden Kontakte tritt der gewünschte Schneeballeffekt ein, und die Nachricht des bevorstehenden Tweetup verbreitet sich. Mittlerweile folgt uns die Community von KultUp zu KultUp. Zur Beziehungspflege gehört auch, vor Ort und virtuell Gleichgesinnte kennenzulernen und mit ihnen über das Event hinaus verbunden zu bleiben. Dies gilt allerdings nicht nur für uns Organisatorinnen, sondern auch für die Kultureinrichtungen, die zum verbindenden Element dieser Freundschaften werden. Auf diese Weise bilden die Kultureinrichtungen nicht nur ihre eigene Community, sondern werden selbst Teil der Kultur-Tweetup-Community. Der Kulturbegriff wird konsequent in den digitalen Raum erweitert.

Um möglichst viele Twitterer für den Event vor Ort zu gewinnen, bieten wir ihnen einen Mehrwert, der schon mit dem freien Eintritt beginnt. Darüber hinaus besteht der Vorzug darin, als Twitterer etwas erleben zu können, was sonst nicht möglich wäre, zum Beispiel an einer Preview-Führung teilzunehmen, der Kuratorin über die Schulter zu blicken, wenn sie besondere Exponate aus der Vitrine holt oder hautnah eine Orchesterprobe mitzuerleben.

Der Mehrwert für Kultureinrichtungen besteht in erster Linie darin, im digitalen Raum Aufmerksamkeit geschenkt zu bekommen, selbst wenn sie dort noch nicht vertreten sind. Ihre Reputation und Awareness wird gesteigert, ihre Reichweite erhöht sich, das Interesse am Kulturangebot und einem Besuch wird geweckt. Sie können die KultUp-Kommunikationskanäle nutzen, sich mit der Kultur-Tweetup-Community austauschen und zeigen, dass sie an Dialog und Interaktion interessiert sind. Der Meinungsaustausch im Social Web kann (und sollte) auch über das reale Zusammentreffen vor Ort hinaus fortgeführt werden.

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Vermittlung kultureller Inhalte

Tweetups ermöglichen nicht nur einen Blick hinter die Kulissen, sie eröffnen auch eine neue Dimension der Rezeptions- und Interaktionsmöglichkeiten und der Vermittlung kultureller Inhalte. Bestes Beispiel hierfür ist der Probenbesuch beim hr-Sinfonieorchester, der den Tweetup-Teilnehmenden einen Perspektivwechsel ermöglichte. Indem sie während der Probe hinter den Musikerinnen und Musikern saßen, konnten sie die Anweisungen des Dirigenten aus der Sicht des Orchesters erleben, die Interaktion und das Zusammenspiel der Orchestermitglieder verfolgen und so in Ansätzen erfahren, was es heißt, ein klassisches Musikstück zu erarbeiten, ehe es zur Aufführung kommt.

Weil alle Tweetup-Teilnehmenden andere Beobachtungen und persönliche Erfahrungen einbringen, können sich rege Diskussionen zwischen ihnen entwickeln. So entsteht ein einzigartiges, äußerst inspirierendes Gemeinschaftserlebnis mit klarem Mehrwert. Das Zuhören und Erfassen des Erlebten bei gleichzeitiger Weitergabe an die eigene Timeline in lediglich 140 Zeichen erfordert seitens der Twitterer vor Ort eine hohe Konzentration und die Fähigkeit zum Multitasking. Parallel dazu gibt es Fragen und Kommentare aus der virtuellen Teilnehmerschar, die gelesen und beantwortet werden wollen. Damit die Twitterer dennoch entspannt und mit Spaß bei der Sache bleiben können, moderieren wir als Organisatorinnen die Kultur-Tweetups und verstehen uns als Bindeglied zwischen den realen und virtuellen Teilnehmenden und den Kultureinrichtungen.

Ein Tweetup zu einem bestimmten Thema, wie der KultUp im Rahmen der Doppelausstellung „Jeff Koons. The Painter“ und „Jeff Koons. The Sculptor“, der parallel in der Schirn Kunsthalle und der Liebieghaus Skulpturensammlung stattfand, hat auf faszinierende Weise gezeigt, wie die KultUp-Teilnehmenden gerade Gesehenes und Erlebtes in den jeweiligen Häusern twitterten und direkte Bezüge zwischen einzelnen Koons-Werken für sich und die KultUp-Online-Community herstellten. Dieses gemeinschaftliche Kunsterleben war so nur via Twitter möglich. Hier hat sich gezeigt, dass man mit solch einem Event sehr viele Menschen – es waren allein vor Ort 75 – begeistern und erreichen kann.

Nachhaltigkeit

Neben der schon erwähnten „medialen Nachsorge“ und der Beziehungspflege, die wir als Organisatorinnen über die Kultur-Tweetups hinaus leisten, sind beim Punkt Nachhaltigkeit vor allem die Kultureinrichtungen selbst gefragt. Mit einer Ausnahme fanden die bisherigen KultUps in Kultureinrichtungen statt, die im Social Web noch gar nicht oder nicht in allen Netzwerken vertreten sind und teils vor dem KultUp noch keinen eigenen Twitter-Account hatten (was allerdings auch nicht erforderlich ist). Diesen Kultureinrichtungen bietet der Tweetup die Möglichkeit, ihre kulturellen Inhalte zu vermitteln. Sie kommen mit Menschen ungezwungen ins Gespräch und können eventuell bestehende Vorbehalte ihnen gegenüber abbauen. Es liegt aber in der Verantwortung der Kultureinrichtungen selbst, etwas daraus zu machen, um den Kontakt und das ihnen entgegen gebrachte Interesse zu erhalten. Sie können auch die Chance nutzen, sich bei anderen Tweetups einzubringen, um nicht aus dem Bewusstsein zu verschwinden.

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Ulrike Schmid

Ulrike Schmid ist Spezialistin für Kultur-PR und Inhaberin der Frankfurter Kommunikationsberatung u.s.k., die für dialogische Kulturvermittlung durch PR steht. Sie betreibt das Blog „Kultur 2.0“ und behandelt in ihren Beiträgen die Themen Kulturvermittlung, Kultur-PR und Social Media. Außerdem veröffentlicht sie regelmäßig Artikel in Fachzeitschriften (Das Orchester, KM Magazin, Museumskunde, Public Marketing) und tritt als Sprecherin bei Tagungen auf.

Die Kultur-Tweetups „KultUp – Tweet up your cultural life“ organisiert sie gemeinsam mit der Projektmanagerin Birgit Schmidt-Hurtienne, die sich in ihrem Blog „Kulturwirtschaftswege“ u. a. der Entdeckung neuer Wege der Kulturvermittlung mittels Social Media widmet.

Links zu den Frankfurter Kultur-Tweetups KultUp:
Blog: http://www.kultup.org/
Twitter: www.twitter.com/kultUp

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2 Gedanken zu “Hallo, was macht ihr denn hier? Tweetups – neuer PR-Trend für Kultureinrichtungen im Social Web?

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