Von der Mücke zum Elefanten – wie ein kleines Spielzeug einen Shitstorm ausgelöst hat

Bei einer ihrer Lesungen zu ihrem Buch „Wachstumsschmerz“ in Hamburg soll sich die 33-jährige Fernsehmoderatorin, Kolumnistin und Autorin Sarah Kuttner abfällig über eine „Negerpuppe“ aus ihrer Kindheit geäußert haben.

Foto_sarah_kuttner

(Quelle: facebook.de)

In ihrem neuesten Buch schreibt sie über die Probleme und Sorgen junger Paare, die den nächsten Schritt ins Erwachsenwerden wagen. In einer Stelle ihres Buches beschreibt die Protagonistin Luise, bei einem Gang durch ihre Wohnung, ihr Hab und Gut und stößt hierbei auf ein Überbleibsel ihrer Kindheit:
„Nichts zu sagen ist allerdings gegen meine Negerpuppe. Ein riesiges Stoffungetüm, ganze achtzig Zentimeter purer, aber unschuldiger Rassismus mit einem obszön großen Kopf, der so schwer ist, dass er der Puppe immer wieder auf die schmalen Schultern fällt und ihr so permanent einen ergreifend niedergeschlagenen Eindruck verleiht. Als wäre das nicht schon entsetzlich genug, wird das Ganze noch von einem furchterregenden Paar praller, aufgenähter Wurstlippen getoppt. Vollkommen undenkbar, dass so etwas heute noch verkauft würde [ … ]“.

Bei ihrer Lesung am 18. Mai in Hamburg las sie genau diese Textstelle vor. Der 37-jährige Hamburger mit äthiopischen Wurzeln, Benjamin B., saß an diesem Abend auch im Publikum. Er erhebt schwere Rassismus-Vorwürfe gegen Frau Kuttner: „Sie zog über diese „Negerpuppe“ her, ließ sich über deren 30 Zentimeter große „Schlauchbootlippen“ aus und wiederholte, wie ekelhaft und widerlich sie diese großen Lippen fand. Sie habe die Puppe wegschmeißen müssen, weil es keinen Sinn gehabt habe, sie zu behalten“, schilderte Bäuml den Fall laut „Morgenpost“. „Das war einfach nur rassistisch.“
Als Benjamin B. nach der Lesung versuchte Sarah Kuttner zur Rede zu stellen, wies diese nur ihren Manager an, er solle ihm das Eintrittsgeld zurück geben und ihn vor die Tür bringen, sie wolle jetzt in Ruhe eine rauchen. Daraufhin rief Benjamin B. die Polizei und erstattete Anzeige wegen Beleidigung.

Nach ihrer Lesung und dem Vorfall postete Sarah Kuttner auf ihrer Facebook-Fanseite

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(Quelle: facebook.de – Stand: 25.5.2012)

und brachte vielleicht gerade deshalb den Ball erst so richtig ins Rollen. In gewohnter Manier witzelte sie über die Ereignisse und erntete daraufhin einige abwertende Kommentare ihrer (Nicht-) Fans.

Sarah_kuttner_fb_kommentare_beleidigend

(Quelle: facebook.de – Stand: 25.5.2012)

Es entwickelte sich in kürzester Zeit ein „Shitstorm“. Das Internetphänomen bezeichnet eine massenhafte öffentliche Entrüstung, die sich immer weiter ausbreitet und teilweise in öffentlichen, beleidigenden Foren- und Social Networkbeiträgen endet.

Auch ihr ehemaliger Viva-Kollege Mola Adebisi meldete sich daraufhin in der Hamburger Morgenpost zu Wort: „Sarah ist Rassistin, das habe ich selbst zu spüren bekommen“, sagt er. Und: „Sie wird sich nicht äußern, weil sie die Situation nicht reflektieren kann. Ihr fehlt die emotionale Intelligenz, sie ist minderbemittelt.“
Am vergangenen Donnerstag gibt dann auch endlich Sarah Kuttner im Spiegel Online ein Statement zu den Vorwürfen ab. „Ich habe, wie in der Passage im Buch beschrieben, erzählt, dass die Lippen der Puppe furchtbar und unnatürlich riesig gewesen seien, mit dem ganz klaren und für alle Anwesenden eindeutigen Verweis darauf, wie unrealistisch und rassistisch diese Puppe sei. Ich sagte, dass so eine Puppe heutzutage zu Recht gar nicht mehr hergestellt werden würde“. Sie postete diesen Artikel auf ihrer Facebook-Seite mit der Überschrift „Ich bin zutiefst erschrocken darüber, wie viele Menschen sich in den letzten Tagen eine handfeste Meinung über mich, basierend auf einer einseitigen Berichterstattung der Boulevardpresse, gebildet haben [ … ]. Ich bin kein Rassist. Ich habe mich auf keiner meiner Lesungen rassistisch geäußert – ganz im Gegenteil: Ich habe mich über rassistisches Spielzeug echauffiert.“
Doch zu diesem Zeitpunkt scheint das Statement schon zu spät zu kommen. Sarah Kuttner befindet sich längst „im Auge des Shitstorms“ und auch Spiegel Online schreibt: „Der Skandal, der wohl keiner ist, lässt sich jetzt nicht mehr stoppen.“
Auch Benjamin B. gerät unter Beschuss. Auf der Facebook-Seite von Sarah Kuttner empören sich viele Leute nun auch über ihn in zahlreichen Kommentaren und bezeichnen ihn als „bedauernswert“.

Sarah_kuttner_fb_kommentare_beschwichtigend

(Quelle: facebook.de – Stand: 25.5.2012)

Und wieder einmal macht dieses Beispiel deutlich, wie schnell jeder zu einem Opfer des „Shitstorms“ werden kann. Im Zeitalter der neuen Medien scheinen sich die „Offline-„ & „Online-Welten“ vermischt zu haben und die öffentliche Bloßstellung von Personen, ob gleich sie berühmt sind oder nicht, geschieht leichter denn je. Jeder sollte sich Gedanken machen, was er mit seinen – vielleicht zunächst nicht ernst gemeinten – Kommentaren im Internet auslösen kann, so dass keine Skandale entstehen, wo eigentlich keine sind. 

 

Julia Kronbügel

Studiengang Kommunikationswissenschaft an der Universität Bamberg

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