Vom Verstummen der Kritik

Es scheint eine bewusst eingesetzte PR-Maßnahme zu sein: Wenn ein Schriftsteller einen bedeutenden Preis gewinnt, wird er plötzlich in (fast) allen Medien hochgelobt.
Kaum einer kritisiert das Werk eines frischgebackenen Preisträgers, auch wenn dessen Werk zuvor weniger beachtet oder gar negativ beurteilt wurde.

Wird ein Literaturpreis vergeben, scheinen sich alle einig zu sein: Der- oder diejenige hat es wahrhaftig verdient, für einen wunderbaren Roman, eine gelungene Übersetzung, ein glänzendes Lebenswerk ausgezeichnet zu werden. Kaum hat sich die Jury auf einen Preisträger geeinigt und eine Begründung formuliert, verkünden die Presseagenturen einstimmig die frohe Botschaft.

Georg-Büchner-Preis für Felicitas Hoppe

So verbreitete sich beispielsweise vor einigen Tagen die Nachricht, dass die Schriftstellerin Felicitas Hoppe den diesjährigen Georg-Büchner-Preis gewonnen habe. Wer sich dazu online informieren wollte, stieß auf den Internetseiten von Spiegel, Welt, FAZ, SZ, Focus & Co auf sich wiederholende Formulierungen und Phrasen – und gemeinhin auf Lob von allen Seiten. Alle, nicht zuletzt die Ausgezeichnete selbst, schienen schlichtweg begeistert zu sein.

Die Begründung der Jury, einer Anzahl renommierter Persönlichkeiten der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt, ist dabei nicht nur ein ausschlaggebender Punkt für die Berichterstattung  (gut jeder zweite Artikel zitiert die Formulierung der Jury direkt oder paraphrasierend), sondern offenbar auch für die Akzeptanz dieser Entscheidung in der Leserschaft. In den Print-Medien und ihren virtuellen Äquivalenten zumindest herrscht Einigkeit über den Verdienst der diesjährig gekürten Autorin. Warum aber beherrscht diese Akzeptanz die Medien, warum halten wir Literaturpreise für eine hinreichende Bestätigung dafür, dass ein schriftstellerisches Werk ‚gut‘ oder ‚lesenswert‘ ist? Und warum sind Preisverleihungen auch im Sinne von PR-Maßnahmen derart erfolgreich?

Literaturpreis als Vermarktungsstrategie

Der Begriff Public Relations (PR) ist eng verbunden mit dem Schaffen von Bekanntheit, mit Imagepflege – diese wiederum ist im Zeitalter des Internets und einer zunehmenden online-Berichterstattung vielseitiger geworden: Interviews mit und Artikel über Felicitas Hoppe lassen sich gezielt und schnell abrufen; auch bezüglich der Rezensionen und Inhaltsangaben zu ihren Büchern wird man schnell fündig. Daneben lässt sich herausfinden, dass der Büchner-Preis, der erstmalig im Jahre 1923 von der Darmstädter Akademie verliehen wurde, als der bedeutendste Literaturpreis des deutschsprachigen Raumes gilt und dass neben Felicitas Hoppe auch bekannte Autoren wie Erich Kästner, Ingeborg Bachmann, Günter Grass, Martin Walser und Elfriede Jelinek mit diesem Preis ausgezeichnet wurden.
All diese Informationen sind zu großen Teilen Maßnahmen, um für Literatur, nun speziell: für die Literatur der Autorin Felicitas Hoppe, zu werben. Die Auszeichnung mit dem Büchner-Preis ist dabei der strategische Gipfel, das höchste Lob der Kritiker eine Garantie für internationale Beachtung – mehr noch: Anerkennung.

Geteilte Ansichten: Zwischen Rezensent und Kritiker

Dass es vorab allerdings noch geteilte Kritiken für Hoppes Werk gab, taucht kaum einmal in den jüngst veröffentlichten Artikeln über die Autorin auf. Dass beispielsweise ihr erster Roman „Pigafetta“ (1999) noch teils „verhalten aufgenommen“ wurde (wie es in einem Artikel von Die Presse.com heißt) oder dass Dieter Wunderlich entgegen der üblichen Begeisterung in einer Rezension von 2004 äußerte, in diesem von einer trostlosen Grundstimmung durchzogenen Roman passiere so gut wie nichts, findet später keine Erwähnung mehr. Warum auch? Schließlich sind die Verfasser meist keine bekannten Literaturkritiker, sondern ‚lediglich‘ engagierte Autoren und Rezensenten, die ihre Leseerfahrungen festgehalten haben. Ebenso fallen die divergenten Lesermeinungen über Felicitas Hoppes zuletzt veröffentlichte ‘Alternativbiografie’ „Hoppe“ (2012) bei perlentaucher.de weniger ins Gewicht als die Aussage des Literaturkritikers Denis Scheck, er möchte vor Jubel einen Flickflack schlagen, so glücklich sei er über die Auszeichnung der Autorin Hoppe.

Bejahende Konformität

Die Anzahl der positiven Äußerungen bezüglich Hoppes Werk und Auszeichnung scheint jede Kritik verstummen zu lassen. Die bejahende Konformität der Informationen über die genannte Autorin mag viele Leser zu einer ebenso bejahenden Grundeinstellung, womöglich auch zum Kauf ihrer Bücher anregen. Das Image der Autorin ist durch den Erhalt des Büchner-Preises gefestigter denn je. Die Entscheidung der Kritiker wird selten angezweifelt – und es bleibt offen, ob einige Journalisten das Äußern von negativer Kritik unterlassen, weil sie fürchten, sich als vermittelnde Instanz selbst zu disqualifizieren oder weil sie meinen, nicht die nötige Erfahrung und das unanfechtbare Wissen zu besitzen, um ihre Stimme gegen jene zu erheben, die als literaturwissenschaftlich versiert, vielbelesen und das literarische Leben prägend gelten – die Kritiker. Abgesehen von Marcel Reich-Ranicki oder Elke Heidenreich mögen da zwar nicht viele Namen bekannt sein; dennoch scheinen die Aussagen hochrangiger Gremien, die Kritiker der deutschen Literaturlandschaft in sich vereinen, eine unangefochtene Suggestivkraft zu besitzen. Denn obwohl eine Zuordnung von Namen und Gesichtern manchmal schwer fällt, sind literaturkritische Aussagen und Entscheidungen doch in allen medialen Bereichen präsent und stetig abrufbar – wie auch am Beispiel von Felicitas Hoppe deutlich wird.

Prinzip der freien Meinungsbildung

Rezipienten sollten sich allerdings darüber bewusst sein, dass auch die Kritiker der deutschsprachigen Literaturlandschaft bloß Menschen mit eigenen Meinungen und Ansichten und nicht zuletzt individuellen literarischen Vorlieben sind, die man weniger als Vorgabe, denn als Empfehlung verstehen sollte. Eine eigene Meinung zu haben ist ein Prinzip, das sich sowohl aus Bestätigung als auch aus Ablehnung speist. Darum bleibt fraglich, ob eine durchweg Lob aussprechende und damit recht einseitige Öffentlichkeitsarbeit, unterstützt und voran getrieben durch einstimmige Berichterstattung, eine Meinungsbildung bzw. kritische Betrachtung fördert oder diese vielmehr – im Sinne wirtschaftlicher Gewinnerzielung – betäubend einschränkt.

Fränze Janetz
Masterstudiengang Germanistik: Literaturwissenschaft und Literaturvermittlung, Otto-Friedrich-Universität Bamberg

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