Der entfesselte Skandal- universeller Kontrollverlust durch Digitalisierung?

„Kontrolle“: Substantiv, feminin – 1. a: dauernde Überwachung, Aufsicht, der jemand, etwas untersteht b: Überprüfung, der jemand, etwas unterzogen wird; 2. Herrschaft, Gewalt, die man über jemanden, sich, etwas hat. So definiert der Duden „Kontrolle“.

Betrachtet man nun den Untertitel von Bernhard Pörksens und Hanne Detels Werk „Der entfesselte Skandal- Das Ende der Kontrolle im digitalen Zeitalter“, stellt sich die Frage in welcher Hinsicht eine Kontrolle entgleitet. Worin besteht der Versuch der Überwachung bzw. Aufsicht und inwiefern geht dieser schief?

15 Fallbeispiele werden insgesamt aufgegriffen. 15 einzelne, unterschiedliche Schicksale von berühmten Personen bzw. Konzernen (Bsp. Plagiatsskandal Guttenberg) bis hin zur kleinbürgerlichen Privatperson („Bus Uncle“, Angestellte der BA etc.), die dem Leser demonstrieren sollen, inwieweit sich der Skandal von seiner traditionellen Bedeutung entfesselt hat und neue, unkontrollierbare Züge bekommen hat.

 

Was ist der klassische Skandal?

Das Schema des klassischen Skandals läuft in verschiedenen Stufen ab: Der erste Schritt ist die Verfehlung bzw. der Verstoß einer berühmten oder mächtigen Person gegen eine Norm, denn die Fallhöhe macht den Skandal noch interessanter. Darauf folgt die Enthüllung durch Journalisten, die Empörung des Publikums und die öffentliche Anklage. Der klassische Skandal kann unterschiedlich enden. Im Extremfall ist die Karriere des „Opfers“ beendet oder die Angelegenheit wird durch eine öffentliche Entschuldigung oder Buße abgeschlossen. In Pörksens und Detels Buch wird aber eine andere, neue Art von Skandal aufgegriffen. Ein Skandal, der sich von den Vorgaben des klassischen Skandals entfesselt hat. Ein Skandal, der v.a. durch die Digitalisierung nicht mehr kontrolliert werden kann.

 

Wen trifft diese neue Art von Skandal?

Wie Beispiele in dem Buch zeigen, werden auch kleine Leute auf einmal in das Rampenlicht gerückt und skandalisiert. So wird von einem Asiaten erzählt, der sich in einem Bus lauthals aufgrund einer Kleinigkeit mit einem anderen streitet. Der Streit wird von einem anderen Fahrgast mit der Handykamera gefilmt und auf „youtube“ gestellt. Binnen weniger Tage hat das Video schon tausende Views. Es wird kopiert und auf andere Plattformen hochgeladen, Versionen mit englischem Untertitel werden erstellt und es wird sogar ein Remix produziert, in dem die kuriosesten Sätze des Asiaten, musikalisch unterlegt, immer wieder abgespielt werden. Der Asiate selbst wird als „Bus Uncle“ bekannt. Er selbst wusste zu dem Zeitpunkt des Streits nichts von der mitlaufenden Handykamera und auch die Verbreitung im Internet, verbunden mit seiner plötzlichen Berühmtheit, konnte er nicht kontrollieren. Im digitalen Zeitalter wird es immer leichter, Momente festzuhalten und diese sofort zu verbreiten. Ob der Betroffene es möchte oder nicht, spielt keine Rolle mehr.

Bus_uncle

(Quelle: youtube)

Der Fall zeigt, dass sich die Masse nicht mehr nur an der Fehlerhaftigkeit von berühmten Personen erfreut. Geschützt durch die Anonymität des Internets fallen mittlerweile auch Privatpersonen dem Hohn und Spott bzw. Neugierde der interessierten Gesamtheit zum Opfer.

 

Ursachen für die Entfesslung des Skandals

Die Entfesslung des Skandals wird von Pörksen und Detel anhand von sechs Varianten der Kontextverletzung erklärt:

Raum: Daten können weltweit aufgerufen werden („deterritorialisiert“)

Zeit: Daten können dauerhaft abgespeichert werden („entzeitlicht“)

Publikum: Daten können von einem Weltpublikum betrachtet werden

Öffentlichkeit: Privates wird öffentlich

Kultur: In der einen Kultur gilt etwas als normal, in der anderen durch Neuinterpretation als Skandal

Modus: flüchtige, mündliche, unüberlegte Äußerungen bleiben präsent

 

 

Kann man sich schützen?

Betrachtet man nur die von Pörksen und Detel erzählten Fälle, steigt in einem selbst ein Gefühl von Unbehagen auf. Gerade die Beispiele, in denen unbekannte, einfache und ohnmächtige Personen einem entfesselten Skandal zum Opfer gefallen sind, werfen Zweifel bei der eigenen Nutzung der digitalen Medien auf. Was wenn ich auf der Straße bei einem Streit gefilmt werde und es nur wenige Stunden später Tausende auf „youtube“ sehen können? (siehe Bsp. „Bus Uncle“) Was wenn meine SMS bzw. E- Mails mit privaten Inhalten durch einen kleinen Flüchtigkeitsfehler auf einmal im Internet kursieren? (siehe Bsp. Veröffentlichung privater E- Mails zweier Angestellten der Bundesagentur für Arbeit) Was, wenn mir die Auswirkungen einer unüberlegten Aussage nicht bewusst sind und diese auf einmal überall verbreitet wird? (siehe Bsp. provokante Aussagen von Daniel Cohn- Bendit über Pädophilie) Bernhard Pörksen und Hanne Detel formulieren als Antwort darauf einen kategorischen Imperativ des digitalen Zeitalters, der besagt: „Handele stets so, dass Dir die öffentlichen Effekte Deines Handelns langfristig vertretbar erscheinen. Aber rechne damit, dass dies nichts nützt.“ Angst vor den digitalen Medien zu haben ist Unfug, aber man sollte sie doch mit einer gewissen Vorsicht genießen.


Antonia Schlosser

Studiengang Kommunikationswissenschaft, Otto- Friedrich- Universität Bamberg 

 

 

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