Lebenswelt und Medien der Internetfernen Verunsicherten

Im Februar 2012 veröffentlichte das SINUS-Institut Heidelberg im Auftrag des Deutschen Instituts für Vertrauen und Sicherheit im Internet (DIVSI) eine Milieu-Studie, welche die Internet-Nutzer aufgrund ihrer Einstellung zum World Wide Web und der Nutzung von Online-Diensten bestimmten Gruppen, den sogenannten Internet-Milieus, zuordnet.

Sieben solcher Milieus bilden das zentrale Ergebnis der Studie. Das hier näher beleuchtete Milieu der Internetfernen Verunsicherten zählt gemeinsam mit den Ordnungsfordernden Internet-Laien zur Gruppe der Digital Outsiders.

Zahlen und Fakten

80 % der Deutschen sind online, bei den Internetfernen Verunsicherten sind es jedoch nur 4 %, welche täglich das Internet nutzen, hingegen 63 %, welche nie online sind. Nur 27 % besitzen überhaupt einen Desktop-PC.

Die Internetfernen Verunsicherten sind durchschnittlich 62 Jahre alt, häufig pensioniert, meist verheiratet oder verwitwet; 42 % leben allein. Insgesamt machen sie 27 % (= 19,1 Mio.) der deutschen Bevölkerung aus, wobei der Frauenanteil 62 % beträgt.

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Altersbedingte Ablehnung: 63 % der Internetfernen Verunsicherten sind 60 Jahre und älter. (Bildquelle: DIVSI)

Zwischen Skepsis und Überforderung

Hilflosigkeit und eine generelle Skepsis kennzeichnen dieses Milieu, das sich aus überforderten Offlinern und Gelegenheitsnutzern zusammensetzt. Internetferne Verunsicherte besitzen sehr geringes Internet-Wissen und haben in ihrem Alltag allgemein geringe Berührungspunkte mit digitalen Medien wie Notebooks, Smartphones oder Spielekonsolen. Das Internet erscheint ihnen als ,,fremde Welt”, als verunsichernd und bedrohlich, weshalb sie – wenn überhaupt – nur wenige Basisfunktionen beherrschen und auf fremde Hilfe von Seiten ihrer Kinder, Enkelkinder oder (jüngeren) Bekannten angewiesen sind. Die Informationsfülle, Komplexität und Schnelllebigkeit moderner Informations- und Kommunikationstechnologien überfordern sie zumeist, weshalb sie mit Resignation und einer “generalisierten Verweigerungshaltung” reagieren. Da sie sich über die Gefahren im Internet häufig nicht im Klaren sind und ebenso unterlassen, sich über jene zu informieren, befürchten sie den Missbrauch ihrer Daten.

Generell zeichnen vier Strömungen den allgemeinen Trend ab:

I. Slow Down: Es besteht ein Bedürfnis nach Überschaubarkeit und Klarheit; gleichzeitig wird eine Reduktion der Komplexität erstrebt.

II. Disorientation: Risikoscheue, Resignation, Überforderung und mangelndes intuitives Verständnis für virtuelle Belange kennzeichnen das Milieu.

III. Social Criticism: Paradigmen der Konsumgesellschaft sowie Fortschrittsoptimismus werden abgelehnt.

IV. Regrounding: Die Milieuzugehörigen sehnen sich nach Sicherheit, Halt und einer festeren Verankerung.

Nutzungsmotive

Die Mehrzahl der Befragten, die sich als zum Milieu der Internetfernen Verunsicherten zugehörig herausstellten, gaben als zentrales Motiv zur Internet-Nutzung an, mit Familienmitgliedern in Kontakt bleiben zu wollen. Ihre sonstigen Aktivitäten im Internet sind gering und bestehen ggf. aus dem Aufruf von Seiten, die einen Bezug zur ihrer eigenen Lebenswelt aufweisen, beispielsweise Webportale lokaler Tageszeitungen, Wetterberichte oder Webseiten von Reisebüros. Zielloses Surfen kommt bei ihnen nur äußerst selten vor. Die meisten Angehörigen dieser Gruppe erkennen den persönlichen Gewinn virtueller Informationsgewinnung bzw. des Austausches mit anderen nicht oder haben schlicht keinen Bedarf daran. Ein über lange Zeit gewachsener und bereits vertrauter Freundeskreis mag Grund dafür sein, dass Internetferne Verunsicherte kein Interesse an ständig neuen Kontakten haben. Da ihr Bedürfnis nach Information und Unterhaltung meist beschränkt und bereits durch Fernsehen, Radio und regionale Tageszeitungen abgedeckt ist, reizt es sie nicht, sich online kundig zu machen.

Warum aber besteht eine derart geringe Motivation, sich über die ‘alten’ Medien hinaus mit den ‘neuen’ bekannt zu machen?

Das Internet erscheint ihnen als gänzlich fremder Kosmos. – Ursachen der Motivationslosigkeit

Die mangelnde Motivation, sich mit den technischen Neuerungen, die das Internet mit sich bringt, auseinanderzusetzen, erklären viele Internetferne Verunsicherte damit, eben nicht “rein gewachsen” zu sein. Es fehlt ihnen nicht nur an Hard- und Software, sondern auch an Kenntnissen zum Umgang mit dem PC. Das Internet erscheint als “gänzlich fremder Kosmos“, unvertraute Zeichen und Wörter sowie mangelnder Fachwortschatz führen unweigerlich zu schlechten Erfahrungen. Die Nutzung des Netzes wurde den Verunsicherten meist von Verwandten oder Freunden nahegelegt oder geradezu ‘aufgedrängt’, was sich u.a. dadurch zeigt, dass 48 % der Gruppenzugehörigen erst seit weniger als 3 Jahren einen Internet-Anschluss besitzen.

Zentraler Hemmfaktor: Angst vor Datenmissbrauch

84 % argwöhnen, dass ihre Daten im Netz nicht sicher sind und begreifen das Internet geradezu als eine “Spielwiese für Verbrecher, Trickser und Betrüger, die heimtückisch rechtschaffene Leute hinters Licht führen möchten”. Obwohl sich die Betreffenden kaum eigenständig über Datensicherheit und Datenschutz informieren, treten sie als entschiedene Befürworter verbindlicher Regeln und Gesetze und einer allgemein stärkeren Reglementierung im Netz auf.

Mangelndes Verständnis jüngerer Generationen

Überraschend ist der Bericht über die Internetfernen Verunsicherten keineswegs. Wie könnte man auch annehmen, dass die Vertreter der Kriegs- und Nachkriegsgeneration sich im soziokulturellen Wandel, nach der Einführung von Kabel-/ Satelliten-Fernsehen und Festnetzanschluss (zwei schon hinreichend verwirrende Neuerungen für die heutigen 60+) nun auch noch dem Internet zuwenden?

In hohem Alter ist vermutlich irgendwann ein Punkt erreicht, an dem man sich nicht mehr auf Veränderungen einstellen mag, an dem man einfach nicht mehr ,mithalten’ kann. Ein Punkt, an dem man merkt, dass der Wandel schneller ist als man selbst.

Das Zögern und Zaudern der Internetfernen Verunsicherten aber wird häufig als weltfremd und innovationsscheu kritisiert; jüngere Generationen scheinen ein ,Mithalten’ älterer Generationen regelrecht vorauszusetzen und zu erwarten. Verständnis für deren Unsicherheit ist da selten.

Warum eigentlich braucht Oma unbedingt einen Facebook-Account, wenn sie ihre Enkel ebenso gut anrufen kann? Warum überlassen wir älteren Menschen nicht selbst die Entscheidung, ob, inwiefern oder wie oft sie sich online betätigen wollen? Natürlich freut es, wenn auch betagtere Menschen vorsichtige Versuche unternehmen, sich mit Datenschutz oder virtuellen Netzwerken auseinanderzusetzen, doch positive Erfahrungen – so zeigt zumindest die Studie des DIVSI – werden selten vermerkt. Zur Nutzung des Internets kann und sollte niemand gezwungen werden – und das ist auch gar nicht nötig.

Denn wie bereits erwähnt: Die Mehrheit der Deutschen ist online und weiß die Vorteile des Internets zu schätzen und zu nutzen. Dem Rest kann man getrost den offline-Frieden lassen.

Fränze Janetz

Masterstudiengang Germanistik: Literaturwissenschaft und Literaturvermittlung, Otto-Friedrich-Universität Bamberg

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