„Ich hab auch noch ´n geographischen Wahlkreis!“

Auch Politiker haben die sozialen Medien für sich entdeckt. Munter twittern, bloggen und kommentieren einige Abgeordnete über die aktuellen Geschehnisse – da kann die Botschaft auch mal ein triviales „Guten Morgen aus der Hansestadt“ sein. Im Zusammenhang mit politischer Kommunikation wird das Web 2.0 gerne gehypt. Das geht so weit, dass sich Peter Altmeier zu dem leicht ironischen Tweet genötigt sieht, er müsse trotz Twitter auch noch in der realen Welt aktiv werden. Richtig im Netz angekommen sind die meisten Politiker aber noch nicht.

 

Social_media

„Facebook gehört zum Standard“, schreibt die Stuttgarter Zeitung über die Internetnutzung der deutschen Politiker. In der Tat sind nach dem Social Media Activity Index 2011 der Universität St. Gallen mittlerweile nur noch 34% der Bundestagsabgeordneten nicht in den sozialen Medien vertreten. Dabei ist Facebook das beliebteste Werkzeug, gefolgt von Twitter. Dienste wie YouTube und Flickr werden nur von wenigen stark aktiven Abgeordneten verwendet. Als Standard kann man aber kein Angebot werten, auch nicht Facebook: über 90% der Abgeordneten sind wenig bis gar nicht im social web aktiv.

„Web 2.0 ist zwar bei vielen Abgeordneten business as usual. Entscheidend für den Erfolg in sozialen Netzwerken ist aber Authenzität, Frequenz und Intensität der Präsenz.“, so Prof. Dr. Miriam Meckel, Direktorin des MCM Instituts der Universität St. Gallen. Um diese Kriterien zu erfüllen, müssen die Auftritte in den sozialen Medien auch ernst genommen werden und nicht nur als Nebenkanal zu den klassischen Medien angesehen werden. Ein Twitter-Account von Gregor Gysi, der seit einem Jahr nicht mehr gepflegt wurde und insgesamt nur fünf Tweets vorweist, kann schlecht als gelungene Präsenz im social web gewertet werden. Und eine offizielle Facebookseite, auf der Ministerpräsident Winfried Kretschmann keinen Post selbst setzt, ist kein Musterbeispiel einer authentischen Seite.

Die Internetaffinität lässt oft zu Wünschen übrig

Ein weiteres Problem liegt bei der Internetkompetenz mancher Abgeordneten, die höchstens als gering eingestuft werden kann. Wer sich ins Web 2.0 begibt, muss sich im Klaren sein, dass die Inhalte und Gespräche auf der eigenen Seite nur bis zu einem gewissen Grad kontrolliert werden können. Das Feedback auf Aussagen kommt schnell und unverblümt, wer sich in seinem Handeln nicht nach dem richtet, was er sagt, wird rasch Opfer eines Shitstorms. Ignoriert werden dürfen solche Phänomene keinesfalls – welche Wucht sie entwickeln können, sieht man an (anfänglichen) Onlinebewegungen wie Anti-ACTA oder Anti-Kony.

Wenn Horst Seehofer als Ministerpräsident von Bayern eine sogenannte Facebook-Party startet, zeigt dies auch, wie wenig in manchen Politikerkreisen über die Dynamiken des social webs bekannt ist. Hier besteht großer Nachholbedarf, was die Praktiken der Online-Welt betrifft. Denn wie bei vorangegangenen öffentlichen Einladungen auch, sagten innerhalb kürzester Zeit über 1800 Facebookuser ihr Kommen zu – der Ort der Feierlichkeiten, das P1 in München, fasst jedoch nur 600 Gäste. Letztendlich blieb auch „Horst 2.0“ nur noch ein Rückzieher in Form eines Einlassstops und das Eingeständnis, die „tolle Resonanz“ vollkommen unterschätzt zu haben.

Seehofer_facebookparty

Bei allen Vorteilen des Web 2.0 – (vorgebliche?) Wählernähe, schnelles Feedback oder generell Aufmerksamkeit – lauern etliche Gefahren, die berücksichtigt werden müssen. Der Nutzen des Internets im Allgemeinen und des Web 2.0 im Speziellen für die politische Kommunikation darf auch nicht überbewertet werden: Laut ARD/ZDF-Onlinestudie von 2011 ist ein Viertel der deutschen Gesamtbevölkerung nicht im Internet vertreten, von den „Onlinern“ nutzen wiederum nur die Hälfte soziale Netzwerke oder Videoportale, Twitter sogar nur 3%. Die anderen Bürger freuen sich also, wenn Peter Altmeier ganz real in seinem geographischen Wahlkreis auftaucht.

Johannes Trepesch
Studiengang Bachelor Geschichte mit Nebenfächern Kommunikationswissenschaft und Politikwissenschaften, Otto-Friedrich-Universität Bamberg

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