Frei nach Knigge: Die Notwendigkeit einer virtuellen Etikette

Jeder Mensch hat ein Recht auf Privatsphäre. Seit 1983 existiert das sogenannte „Grundrecht auf informelle Selbstbestimmung“, das den Datenschutz gewähren soll und jedem Einzelnen die Befugnis erteilt, selbst über die Preisgabe und Verwendung persönlicher Daten zu entscheiden. Zusätzlich zu bereits bestehenden Persönlichkeitsrechten – Menschenwürde, das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit sowie das Recht auf körperliche Unversehrtheit und Freiheit der Person (Art. 1; Art. 2/ I, II GG) – gilt dies vor allem zum „Schutz des Einzelnen gegen unbegrenzte Erhebung, Speicherung, Verwendung und Weitergabe seiner persönlichen Daten“.    

Knigge als Vorbild

Im Umgang mit anderen Menschen folgt man im Alltag für gewöhnlich jenen unumstößlichen „Benimmregeln“, die einst Adolf Freiherr Knigge (1752-1796) in seiner 1788 veröffentlichten Aufklärungsschrift Über den Umgang mit Menschen etablierte. Taktgefühl und Höflichkeit spielen darin eine entscheidende Rolle.

Adolph-freiherr-knigge

Verfasser der „Benimmregeln“: Adolf Freiherr Knigge (http://www.freiherr-knigge.de/img/adolph-freiherr-knigge.jpg)

Heutzutage hat sich der menschliche Alltag um zahlreiche virtuelle Tätigkeiten auf online-Plattformen erweitert. Situationen der face-to-face-Kommunikation, die Knigge im 18. Jahrhundert im Sinn hatte, werden durch den virtuellen Austausch von Informationen ergänzt, man chattet, twittert, bloggt – und erhält auf diese Weise einen Kontakt zu anderen Menschen aufrecht, der auf jene „Benimmregeln“ keineswegs verzichten kann. Um auch im Netz eine gewisse Etikette zu wahren, während man in Netzwerken wie Facebook, Twitter oder google+ unterwegs ist, bestehen seit Anbeginn des Internet-Zeitalters Diskussionen um das Thema Network Etiquette, kurz: Netiquette, die sich mit Verhaltens- und Umgangsformen in sozialen Netzwerken befassen.

Virtuelle Benimmregeln – und warum sie notwendig sind 

Warum aber sind Festlegungen und Vorschriften zum virtuellen Umgang überhaupt notwendig, wenn uns seit jeher allgemeine Benimmregeln bekannt sind, nach denen wir unseren Alltag ausrichten sollten – sei es auch nur, indem wir darauf verzichten, andere Menschen öffentlich zu beleidigen oder deren Würde in anderer Weise ‚anzutasten‘? Die Antwort ist einfach: weil eine virtuelle Beleidigung offensichtlich leichtfertiger geäußert wird, wenn wir uns hinter der Anonymität unserer Daten verstecken können. Denn Pippi Langstrumpf oder Pusteblume13 brauchen nicht um eine Entdeckung ihrer wahren Identität zu fürchten.

Die Netiquette besteht in sozialen Netzwerken häufig lediglich aus Bitten um Unterlassung der persönlichen Rechtsverletzung, die meist als allgemeine, aber nichtssagende Regeln auftreten. So bittet beispielsweise Burger King die Nutzer von Facebook, von Verletzungen des deutschen Rechts abzusehen, plädiert McDonald’s für einen respektvollen Umgang und gegen anstößige oder unangemessene Inhalte und spricht sich Siemens gegen rechtverletzende oder grob anstößige Diskussionsbeiträge aus. Maßstäbe für den virtuellen Umgang scheinen vielmehr bloße Richtlinien als gesetzliche Vorgaben zu sein – so wundert es auch nicht, dass sich manch einer der „rauen Rhetorik im Netz“ (Blogger Timo Stein, cicero online, 2. Mai 2012)  bedient, um seinem Unmut freien Lauf zu lassen. Strafrechtlich verfolgt werden die wenigsten, allerdings behalten sich mittlerweile viele Firmen vor, online-Beiträge zu löschen und Kommentare zu entfernen, die ihren Vorstellungen gegenseitiger Achtung und Respektierung nicht entsprechen. Vor persönlichen Beleidigungen aber ist kein Nutzer sozialer Netzwerke sicher. Wo Taktgefühl und Höflichkeit zu wünschen übrig lassen, hilft einem auch das Recht auf persönliche Freiheit nicht viel.  

Schutz der Privatsphäre

Dennoch gibt es Möglichkeiten, die eigene Privatsphäre im Netz zu schützen. So existiert unter anderem ein „Privacy Knigge“ in Form von konkreten Empfehlungen für Nutzer sozialer Netzwerke, die der Deutsche Knigge-Rat zusammengestellt hat.

Wer im Netz private Informationen veröffentlicht, sollte sich demnach immer bewusst sein, dass er diese der Öffentlichkeit zugänglich macht. Facebook, Twitter und andere Netzwerke bieten hierbei Sicherheitseinstellungen, bei denen jeder Nutzer selbst festlegen kann, welchem Personenkreis er Einsicht in persönliche Beiträge, Fotos etc. erlauben möchte. Das Hochladen von Fotos oder spontanen Aufnahmen via Handy oder iPhone sollte zudem nicht unbekümmert, sondern erst nach genauer Überprüfung stattfinden – schließlich will man sich nicht Jahre später dafür schämen, dass peinliche Urlaubs- oder Partybilder noch immer online einsehbar sind. Außerdem sollte man überlegen, ob Angaben über Beziehungsstatus oder sexuelle Vorlieben wirklich ins Netz gehören oder nicht doch lieber verschwiegen werden sollten. Denn: Jeder kann seine Persönlichkeit und Privatsphäre schützen. Wer sich aber willkürlich online bloßstellt, braucht sich nicht zu wundern, wenn er für andere plötzlich angreifbar ist.  

Ein absoluter und uneingeschränkt wirkungsmächtiger Schutz vor Beleidigungen oder Nachstellungen, Cyber-Mobbing oder jenen unter der Bezeichnung Shitstorm zusammengefassten „unsachlichen Beiträgen“ durch andere Web-Nutzer ist jedoch auch damit nicht gegeben. Möglicherweise sollte die Netiquette, derzeit noch ein wohlgemeinter Aufruf zu takt- und respektvollem Verhalten im Netz, in Zukunft noch stärker in den Vordergrund gerückt werden. Denn auch im Internet muss unangemessenes Benehmen nicht hingenommen werden, auch wenn die zunehmende Anonymität einer Vielzahl Nutzer die direkte Hinwendung zu den Urhebern diffamierender oder beschämender Äußerungen erheblich erschwert.  

Fränze Janetz
M
 asterstudiengang Germanistik: Literaturwissenschaft und Literaturvermittlung, Otto-Friedrich-Universität Bamberg

 

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