“Relations in Public”- Public Relations

Das Web als neue virtuelle Öffentlichkeit

Das berühmteste Werk von Erving Goffman (1922-1982), ein amerikanischer Soziologe und Vertreter des Interaktionismus, ist wohl “Wir alle spielen Theater” (“The Presentation of Self in Everyday Life”). Nicht ganz so bekannt ist sein Werk “Das Individuum im öffentlichen Austausch. Mikrostudien zur öffentlichen Ordnung” (“Relations in Public. Microstudies of tue Public Order:”), welches dennoch nicht weniger aktuelle Relevanz besitzt, insbesondere für soziale Medien.

Soziale Netzwerke, Blogs und Foren, die in den letzten Jahren aus dem Boden schossen, erweitern die Möglichkeiten von Individuen, in sozialen Austausch zu treten. Es entsteht eine neue (virtuelle) Öffentlichkeit, in der Personen interagieren und kommunizieren.
Soziale Netzwerke existieren seit Mitte der 90er Jahre und haben erst in den letzten Jahren einen exponentiellen Aufschwung erlebt. Innerhalb kürzester Zeit verfestigen sich Strukturen und Regeln für den Austausch in der virtuellen Öffentlichkeit, welche wohlgemerkt, nicht unbedingt weniger anonym ist.

In dieser Öffentlichkeit gibt es Interaktionsregeln, die in den Nutzungsbedingungen oder im Kodex von sozialen Medien festgehalten sind. Meistens jedoch sind diese Regeln, die den Austausch strukturieren, informell. 

Soziale Kontrolle ist auch nicht in den sozialen Medien absent: Funktionen wie “Dieses Bild melden”, “Nutzer ignorieren” oder “Kommentar löschen” sind als Sanktionsmittel Instrumente sozialer Kontrolle. Der Austausch in der virtuellen Öffentlichkeit läuft lfolglich ängst nicht so unkontrolliert ab, wie gedacht.

Das eigene Profil, der eigene Blog stellt das persönliche, symbolische Territorium einer Person oder einem Unternehmen dar. Dieses “Gesprächsreservat”, über das eine Person Kontrolle ausüben kann, muss vor Übergriffen geschützt werden, da dies zur Privatsphäre gehört. Die Regeln zur Benutzung eines Gespürächsterritoriums stellt der Eigentümer auf. Ich kann als User nicht auf anderen Profilen wildern, denn dies wird sanktioniert.
Sehen wir uns das an einem Beispiel an. KitKat hat Tausende Fans auf Facebook. Wenn diese Fans negative Pinnwand-Einträge hinterlassen oder statt ihrem eigenen Foto ein den “Killer Kat”-Schriftzug verwenden, dann stellt das eine Verletzung des Territoriums dar. Die Frage, ob das Entfernen dieser Beiträge und Fans gerechtfertigt ist, oder gar das Abschalten der Seite, muss somit bejaht werden, denn es wurden informelle Regeln verletzt.

Ein zweiter Aspekt, der sich lohnt, zu besprechen ist die Selbstdarstellung von Individuen gegenüber Anderen. Dabei nehmen Akteure ein Rolle ein, indem sie strategisch Inhalte von sich selbst preisgeben. Darunter fallen außnahmlos alle Aktionen in sozialen Medien. Wichtig ist, dabei bei der Realität zu bleiben, denn je weiter die Rolle vom der tatsächlichen Rolle entfernt ist, desto weniger glaubhaft ist sie. Diese Täuschungsversuche werden in der Regel auch schnell von anderen Usern enttarnt. Also: Glaubwürdig bleiben! -sonst ist ein Image-Verlust garantiert.

Welche Erkenntnisse bringt nun Goffmans Arbeit über das Individuum im öffentlichen Austausch für die PR? Goffman gibt keine Handlungsanweisungen, wie Unternehmen in den sozialen Medien auftreten sollen. Vielmehr hilft sein Buch zu VERSTEHEN. Wenn die Öffentlichkeitsarbeit neue Kommunikationskanäle für sich nutzen will, muss sie diese zunächst verstehen. Die Kommunikationsmechanismen der sozialen Medien sind nicht weniger komplex als in der Realität; auch Online-PR ist mit Kosten verbunden, die in einem gesunden Verhältnis zu den Nutzen stehen sollten. Ein kleiner Fehler im Auftritt eines Unternehmens kann jahrelange Image-Arbeit zunichte machen. Deswegen ist es so wichtig, erst einmal diese neue virtuelle Öffentlichkeit mit ihren Regeln, Ritualen und Mechanismen zu verstehen, um online sicher auftreten zu können und um wirksame PR zu betreiben.
Ein wirklich lesenswertes und unterhaltsames Buch für alle die verstehen wollen, warum wir in der Öffentlichkeit tun, was wir (unterbewusst) tun und wie routiniert und strukturiert dieses Tun ist.

 

Regina Neumann

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