„PR-Berater müssen Social-Media-Experten sein“ – Ibo Evsan im Gespräch mit Thomas Mavridis

Ibrahim Evsan

Er ist ein Vordenker für Social Media und der Gründer von sevenload und United Prototype: Ibrahim Evsan zählt zu den führenden Köpfen in der Entwicklung von Social Media und Web-Anwendungen. Thomas Mavridis sprach mit ihm zum Thema PR im Wandel.

Thomas Mavridis: Ibo, wir befassen uns gerade in einem Seminar an der Uni Bamberg mit „PR im Wandel“. Welche Erfahrungen hast du bisher – online wie offline – mit PR gemacht?

Ibrahim Evsan: Bei der Abkürzung „PR“ denken wir oft nur an Bedeutungen wie „Werbung“ und „Pressearbeit“. Wenn wir aber den ganzen Begriff betrachten, dann heißt „Public Relations“: „Kontaktpflege“, „Beziehungspflege“, „Meinungspflege“ und als Überbegriff „Öffentlichkeitsarbeit“ und stellt damit die Gesamtheit der Beziehungen zur Öffentlichkeit dar. In vergangenen Zeiten reichte eine Pressemitteilung, die man den wartenden Printmedien „schenkte“, heute in Zeiten des Internets, sieht die Berichterstattung ganz anders aus: Wir lassen bei UnitedPrototype.com zum Beispiel alle Interessierten fast in Realtime an allen neuen Entwicklungen teilhaben. Uns interessiert bei der Entwicklung unseres neuen Webgames die Meinung der Menschen und wir lassen die Ideen zum Teil gleich in unser Projekt einfließen. Eine in Deutschland leider noch nicht so verbreitete Vorgehensweise, die aber viel Spaß macht und auf eine große Nachfrage stößt.

Thomas Mavridis: Brauchen wir mehr Social-Media-Experten oder mehr PR-Experten mit Social-Media-Know-How?

Ibrahim Evsan: Das Denken in Kategorien wie „Social-Media-Experten“ oder „PR-Experten“ führt uns heute nicht mehr weiter. Diese Kategoriesierung gibt es im Internet nicht, hier sollte man die beiden Begriffe synonym verwenden. Social Media richtig anzuwenden, heißt immer auch „PR“zu betreiben, Ziel sollte es sein, eine Online-Reputation aufzubauen, die den eigenen Inhalten eine breite Basis in der Öffentlichkeit gibt. 

Thomas Mavridis: Welche Erwartungen hast du an PR-Berater in Bezug auf Social Media?

Ibrahim Evsan: PR-Berater müssen Social-Media-Experten sein. Man muss die Wirkungen und die Zusammenhänge im Internet und vor allem in seinen Medien verstehen und anwenden können, um seine Ziele zu erreichen. Wofür setze ich Google Adwords ein? Was nutzt mir Twitter? Welche Inhalte und Ziele hat mein Unternehmensblog? Das sind Einzelfragen, die aber in einer Gesamtstrategie beantwortet werden müssen, die die zu erreichenden Ziele mit den eigenen Möglichkeiten und den gebotenen Voraussetzungen zusammenführt.

Thomas Mavridis: Es gibt derzeit u. a. durch Google und Facebook eine große Diskussion um das Thema Datenschutz.  Was ist wichtiger: Datenschutz oder Medienkompetenz? Und: wer soll sie vermitteln?

Ibrahim Evsan: Datenschutz und Medienkompetenz sind keine Gegensätze. Die User entscheiden heute ganz anders als in der Vergangenheit, wie sie mit ihren persönlichen Daten umgehen. Das Recht auf „informationelle Selbstbestimmung“, das vom Bundesverfassungsgericht in den 1980er Jahren festgeschrieben wurde, wird heute von den Nutzern des Internets selbst aufgegeben. Ein Beispiel: Wer liest schon die 78 Seiten der neuen AGB von iTunes? Wir klicken auf „bestätigen“ – fertig. Medienkompetenz heit nichts anderes, als sich zuerst einmal seiner Rechte überhaupt wieder bewusst zu werden. Dann in der Folge kann man sie auch gegen die digitalen Supermächte einfordern. Das muss aber jeder Einzelne für sich tun, hier den „Staat zu rufen“, macht keinen Sinn. Der Staat sollte aber in den Schulen das Fach „Medienkompetenz“ einführen, damit die Jugend neben den Chancen des Internets auch seine Gefahren kennenlernen kann.

Thomas Mavridis: Wie wichtig ist dir eigentlich deine Online-Reputation?

Ibrahim Evsan: Online-Reputation ist der zentrale Dreh- und Angelpunkt, wenn man eine Meinung hat und diese im Internet auch vertreten will. Érst wenn ich mir einen guten Ruf aufgebaut habe, kann ich die Menschen auch mit meinen Inhalten erreichen; erst dann bin ich glaubwürdig. Dafür investiere ich das Kostbarste, das ich als Unternehmer habe: meine Zeit.

Thomas Mavridis: Danke für das Gespräch!

Ibrahim Evsan – oder kurz “Ibo” gründete 2006 mit sevenload eines der erfolgreichsten deutschen Start-Ups. Als begeisterter Networker mit einem feinen Gespür für Trends entwickelt er zur Zeit mit „United Prototype“ Online Games. In seiner Funktion als Vordenker für das Internet behandelt er in seinem neuen Buch „Der Fixierungscode“ Themen wie Microblogging, Online-Reputation und die Gefahren, die uns durch digitale Supermächte drohen. Ein besonderes Anliegen ist es ihm, den Internet-Standort Deutschland im weltweiten Vergleich wettbewerbsfähig zu machen. Kulturell und politisch engagiert sich Evsan als Vorstand der Deutschlandstiftung für Integration, als Mitglied der Medienkommission der Landesanstalt für Medien NRW (LfM) und Mitglied des Medienbeirats Nordrhein-Westfalen.

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4 Gedanken zu “„PR-Berater müssen Social-Media-Experten sein“ – Ibo Evsan im Gespräch mit Thomas Mavridis

  1. Generell stimme ich Michael Wanhoff zu. Er spricht mit der "Social-Media-Experten"-Inflation einen durchaus bedenkenswerten Aspekt an. Dieser tangiert leider auch die Glaubwürdigkeit aller, die sich mit der Thematik ernsthaft auseinandersetzen. Wer kaum oder gar nicht über praktische Expertise (ob nun innerhalb oder außerhalb eines Unternehmens) verfügt, kann (oder sollte zumindest) auch nicht als Experte bezeichnet werden. Einen "Zeitfresser" würde ich Social Media nicht grundsätzlich nennen. Auf Auftraggeber- bzw. Arbeitgeberseite ist unbedingt zu beachten, dass für Social Media Ressourcen erforderlich sind, vor allem aber Menschen, die die Mechanismen verstehen, weil sie sich damit beschäftigen. Nicht nebenbei – wie auch sehr oft zu beobachten ist – sondern intensiv.

  2. Auf die Dialogkompetenz kommt es an. Nach wie vor. Darunter fasse ich persönlich ethische und charakterliche Eigenschaften wie Transparenz, Authentizität, Rückgrat, eigene Meinung. Wer all das hat, ist automatisch PR- und damit Social-Media-Experte,

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