Der Wert von 140 Zeichen – welchen Nutzen hat Twitter?

„Twitter ist für mich einfach nur dumm und die Menschen, die das nutzen, sind für mich Idioten. Haben die Menschen eigentlich nichts Besseres zu tun, als über belanglosen Kram zu schreiben? Wen interessiert das?“

Mit dieser Aussage in einem Interview erregte Trigema-Chef Wolfgang Grupp Anfang Mai die Gemüter. Ein Sturm der Empörung ging, binnen weniger Stunden, durch die Twitter-Gemeinde und führte zu einem Ausbruch an beleidigten Kommentaren, sowohl bei Twitter, als auch auf der Facebook-Seite des Unternehmens. Mit dieser Reaktion hatte Wolfgang Grupp entweder nicht gerechnet (oder sie von vorneherein einkalkuliert?) und veröffentlichte bereits am nächsten Tag via Facebook eine Stellungnahme in Form eines offenen Briefes. Er ruderte zurück und relativierte seine Aussage.

Doch wie viel Aufregung verdient diese Aussage eigentlich? Betrachtet man den Rest des Interviews, so fällt auf, dass Herr Grupp anscheinend nicht nur mit Twitter ein Problem hat, sondern auch mit Online-Shops und e-mails. Anscheinend nutzt das Unternehmen Trigema zwar diese Möglichkeiten des Internets, Herr Grupp aber anscheinend nicht. Macht es also überhaupt Sinn ein Interview über das Internet mit jemandem zu führen, der es anscheinend selbst nicht zu nutzen weiß?

Dass über Twitter nicht nur „belangloser Kram“ verbreitet wird, sollte spätestens seit den Aufständen im Iran 2009 bekannt sein. Damals kamen die wichtigsten Informationen über die Geschehnisse in Teheran nicht von Journalisten, sondern von der Bevölkerung selbst, die sich dem Internet und vor allem auch Twitter und Youtube bediente. Diese Informationen wurden auch von deutschen Medien vielfach aufgenommen und weiterverbreitet.

Doch für ein Unternehmen wir Trigema dürfte weniger die schnelle Verbreitung von politischen Informationen über Twitter interessant sein, als die Verbreitung von Markeninformationen. Eine Studie aus den USA zeigt, dass viele Twitterer den Dienst dazu nutzen, sich über Marken und ihre Produkte zu informieren. Dies tun sie entweder, indem sie der Marke selbst folgen, oder indem sie sich Informationen und Meinungen von anderen Nutzern holen. Auch ein generelles Meinungsbild lässt sich mit den Informationen, die einen Tweets liefern, erstellen. Dies beweist eine weitere Studie aus den USA, die ihre Auswertung der Twitter-Texte mit tatsächlichen Umfragen vergleicht. Auch wenn dies bisher primär für die politische Meinungsforschung getestet wurde, so könnte sich daraus auch eine Möglichkeit entwickeln, den Online-Dienst für die Marktforschung zu nutzen.

Interessant bleibt, inwieweit sich diese Ergebnisse auch auf die deutschen Twitter-Nutzer übertragen lassen. Auch wenn die Aussage von Wolfgang Grupp so nicht stehen bleiben kann, deutet er doch auf ein existierendes Problem hin. Derzeit ist die Nutzung von sozialen Netzwerken und deren Nutzen für Unternehmen und in der Marktforschung noch zu wenig untersucht, um sinnvoll mit ihnen zu arbeiten. Sich deswegen vor dieser Entwicklung zu verschließen, ist der falsche Weg. Die Informationen aus sozialen Netzwerken ungefiltert wahrzunehmen, jedoch ebenso. Um sich eine endgültige Meinung über einen Online-Dienst wie Twitter zu bilden, bedarf es schlichtweg noch mehr Zeit und objektive Information.

Beate Mangold

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4 Gedanken zu “Der Wert von 140 Zeichen – welchen Nutzen hat Twitter?

  1. Abgesehen von der harschen Wortwahl liegt Grupp ja nun gar nicht so falsch. Denn leider werden gerade Tweets oft für Belangloses genutzt. Das ist die Realität und das ist schade. Denn der Dienst ist ausdrücklich – und das unterstreichst du ja auch – als Informationsdienst gedacht. Ein Fragender soll möglichst schnell viele brauchbare Antworten erhalten. Punkt. Daraus resultiert für mich schon jetzt der Nutzen von Twitter für die Unternehmenskommunikation: Unternehmen müssen darauf vorbereitet sein, schnell auf Anfragen zu Produkten oder Marken aus ihrem Hoheitsbereich auch über Twitter reagieren zu können. Eine "sinnvolle" Arbeit ist mit dem Informationsdienst Twitter also durchaus jetzt schon möglich, dazu bedarf es m. E. auch nicht mehr Zeit oder "objektiver Informationen". Das Unternehmen, die Kommunikationsabteilung oder die Agentur dürfen sich jedoch nicht dazu verleiten lassen, ihre Marketingaktivitäten als authentischen UGC zu verkaufen. Das wird entlarvt und bestraft.

  2. Ich schlage vor, wir lesen jetzt alle nochmal die Stellungnahme von Herrn Grupp in Gänze und beginnen die Diskussion von vorne. Dann trennen wir sauber die Fragen, und thematisieren insbesondere, was passieren kann, wenn sich Kommunikation nur noch auf Fragmente bezieht, und was das über unsere Orientierungsfähigkeiten sagt.Davon losgelöst ist Twitter für mich eine soziale Suchmaschine, in der zu einem bestimmten Themenraum Menschen, deren Urteil ich schätze die Augen udn Ohren für mich offen halten – und ich für sie.Und wer behauptet, zu wissen, wofür Twitter "eigentlich" gedacht und "sinnvoll genutzt" werden kann, hat gute Chancen, eine Karriere als Diktator einzuschlagen. Die wissen auch immer, was andere tun sollen. Ich bin da deutlich libertärer 😉

  3. Das ist eben der Sinn, den das Medium für Sie persönlich hat. Hier ging es aber um ein sehr spezielles Themenfeld und den Nutzen von Twitter speziell dafür. Das Urteil hierüber beruht indes auf Erfahrung – ebenso wie offensichtlich bei Ihnen. Angefangen beim oberlehrerhaften Ton bis hin zur krassen Verurteilung im letzten Absatz kann ich von Libertarismus übrigens wenig feststellen – dieser Widerspruch muss einfach Absicht sein.

  4. Wenn wir alle darauf verzichteten, Belangloses zu sagen? Waere es bald sehr ruhig auf der Welt. Zugegeben, vielleicht gar nicht so verkehrt. Und natuerlich ist der Ton Absicht. Mir fehlen Zeit und Talent fuer das fragend-entwickelnde Unterrichtsgespraech 😉 Im Ernst: Wenn wir ein Haus bauen, entscheidet das Fundament, ob es stehen bleibt. Und wenn wir ein Argument bauen, sollten wir die Fakten klarstellen.

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