Politik im Zeitalter des Web 2.0: der mündige Bürger nutzt seine Chancen – die Politiker auch?

Spätestens seit dem Wahlsieg von Barack Obama vor knapp zwei Jahren, ist klar, dass Politiker auf Dauer nicht mehr um die Nutzung sozialer Netzwerke herumkommen. Damals war der Spitzenkandidat der Demokraten auf allen möglichen Plattformen von Facebook bis YouTube präsent; ihm stand ein Budget von 750 Millionen Dollar und ein 50-köpfiges Filmteam zur Verfügung, das um die 800 Filme produzierte. Und tatsächlich hatte Obama mit dieser groß angelegten Kampagne einen immensen Erfolg: auch wenn eine Twitter-Nachricht nur 140 Zeichen lang ist, so verstand es das Wahlkampfbüro des heutigen US-Präsidenten, den Leuten das Gefühl zu vermitteln, dass Obama sie direkt anspricht.

Sicher war es nicht allein das Gezwitscher im Internet, das Obama entscheidend zum Sieg verhalf. Doch wird man es dem Web 2.0 sicher nicht absprechen können, dass es einen respektablen Einfluss auf den Verlauf des Wahlkampfes hatte. Der Direktor des Pew Internet Project, Lee Rainie, hat jedenfalls festgestellt: „Wer junge Wähler will, muss das Web verstehen.“  Er befragte spontan Studenten auf dem Campus der Ohio State University, wie sie sich über die Positionen von Obama und McCain informiert haben. Zwar waren diese Gespräche nicht repräsentativ, aber sie erhärteten seinen Verdacht, dass das Internet immer wichtiger wird, um die Bevölkerung zu erreichen. Vier von zehn Studenten gaben an, sich ausschließlich via Internet über Politik zu informieren.

Doch wie sieht es hier bei uns in good old Germany aus? Natürlich trennt nicht nur der monetäre Aufwand die deutschen Wahlkämpfer von den US-amerikanischen Polit-Stars. Auch an der Umsetzung hapert es allzu oft. Denn leider läuft der Informationsfluss hierzulande oft einseitig von der Partei zum Wähler, dabei wünschen sich die User und damit viele Jungwähler den Dialog mit den Politikschaffenden. Außerdem gibt es anders als in Übersee kaum Anstrengungen, den Erfolg politischer Artikulation via Internet zu messen. Damit laufen etliche YouTube-Kanäle und Twitter-Feeds praktisch ins Leere. Zumal nicht selten wenig Aussagekräftiges – um nicht zu sagen Sinnloses – in die Weiten sozialer Netzwerke gezwitschert wird. So schreiben die CDU-Leute am 3. Mai: „Sitzen gerade mit Roland Koch beim Schnellrestaurant mit dem gelben M.“

Hier werden also zwei Schwachstellen im deutschen multimedialen Wahlkampf deutlich: wenig bis kein Dialog mit den Usern und Nachrichten, die eigentlich keine sind und niemanden interessieren.

Wie man es aber richtig machen kann ohne gleich Millionen wie Mr. Obama ausgeben zu müssen, zeigt sich am Beispiel der Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend Kristina Schröder. (Ihr Twitter-Account läuft allerdings noch unter ihrem alten Namen Köhler) Sie nutzt aktiv Twitter, WKW (Wer-kennt-wen) und Facebook. Eine ihrer Stärken ist dabei wohl, dass sie in der Regel alle Fragen persönlich beantwortet, ihr Büroteam unterstützt sie lediglich dadurch, dass ihre selbst formulierten Antworten dann beim User auch ankommen. Ihre Aktivitäten im Bereich der sozialen Netzwerke haben Frau Schröder so weit gebracht, dass die BILD-Zeitung bereits titelte, sie sei „die erste Ministerin Web 2.0“.

Doch bin ich der Meinung, dass man an dieser Stelle nicht übereifrig auf die neuesten Entwicklungen im Web reagieren sollte. Mit ihrer neuen Aufgabe als Ministerin ist Frau Schröder so in das politische Tagesgeschäft eingespannt, dass man es ihr wirklich nicht übelnehmen kann, wenn sie mit ihren Replies nicht hinterherkommt. Außerdem werden die Grenzen etwa von Twitter schnell deutlich, wenn gewisse Sachverhalte eben nicht in 140 Zeichen abgehandelt werden können. Da muss man dann eben doch noch zu Zeitschriften u.ä. greifen, wenn man sich ausführliche Hintergrundberichte beschaffen möchte.

Dass das Web 2.0 nicht nur den Politikern im Wahlkampf kann, sondern auch Formen des investigativen Journalismus annehmen kann, zeigt sich am Beispiel des Blog „Wir in NRW“. Engagierte Blogger haben im Vorfeld der NRW-Wahl zahlreiche Polit-Kapriolen aufgedeckt, von „Rent a Rüttgers“ bis zu verschwundenen Details aus Hannelore Krafts Lebenslauf. Dabei haben die Web-Begeisterten sogar etablierten Journalisten bei den Enthüllungen den Rang abgelaufen. Erstaunlichweise haben sich bislang die von den Blogs aufgedeckten Stories stets als wahr erwiesen.

Summa Summarum bieten soziale Netzwerke für beide Seiten – Politikern wie Wählern – Chancen, um ihre Interessen zu artikulieren. Doch offensichtlich nutzen die Bürger ihre Möglichkeiten auch wesentlich mehr.

 

Markus Teubert

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2 Gedanken zu “Politik im Zeitalter des Web 2.0: der mündige Bürger nutzt seine Chancen – die Politiker auch?

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